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Zum Neunzigsten von Hans Küng : Grau geworden, aber heiter

  • -Aktualisiert am

Intellektuelles Aushängeschild der Theologie: Hans Küng Bild: dpa

Kämpferisch und formulierungsstark: Der Theologe Hans Küng ist einer der kritischsten Köpfe der katholischen Kirche. Heute wird er neunzig Jahre alt.

          Von den Tübinger Theologiestudenten, die am Dienstag, dem 18. Dezember 1979, den Hörsaal im Kupferbau betreten, in dem um fünfzehn Uhr c.t. die katholische Dogmatik-Vorlesung von Walter Kasper stattfinden soll, fragen sich die meisten, warum jemand vorne mit Kreide an die Tafel geschrieben hat: „Roma locuta, causa non finita“. Langsam nur spricht sich herum, was einige wenige schon im Radio gehört haben: Ihrem Professor Hans Küng wird die kirchliche Lehrerlaubnis, die „Missio canonica“, entzogen. Der Schock sitzt tief und niemand, der dabei war, wird diesen 18.Dezember 1979 vergessen.

          Und auch nicht den folgenden Mittwoch, als Hans Küng im überfüllten Festsaal der Universität zu seiner Vorlesung über das Apostolische Glaubensbekenntnis erscheint und dabei, gewohnt kämpferisch und formulierungsstark, den Argumenten für die gegen ihn gerichtete Maßnahme widerspricht. Bei der abendlichen Demonstration vor der Stiftskirche tragen manche der tausend Teilnehmer im Schein der Fackeln Parolen wie: „Errare Romanum est“. Einige nehmen an diesem Abend wohl für immer Abschied von der Kirche.

          Alle wissen: Das ist eine historische Zäsur für die katholische Kirche. Ihr weltweit bekanntester Theologe, ihr kritischster Kopf, intellektuelles Aushängeschild ihrer Theologie, dessen in viele Sprachen übersetzte Bestseller auch außerhalb kirchlicher Kreise aufmerksam studiert werden, Hans Küng, Synonym für die Freiheit akademischer Theologie, darf von nun an nicht mehr im Namen der Kirche lehren.

          Die entscheidende Zäsur in seinem akademischen Leben

          Immer wieder hatte das Lehramt versucht, gegen kritische Punkte seiner Theologie vorzugehen. Immer wieder wusste Küng sich zu entziehen. Immer wieder scheiterten Vermittlungen und Versuche, Brücken zu bauen. Nun war der große Schlag gekommen. Diese Entscheidung gilt bis heute. Ein freundliches, mehrstündiges Gespräch, zu dem Papst Benedikt XVI. seinen alten Kollegen und Antipoden Hans Küng 2005 in Castel Gandolfo empfing, klammerte die alten Konflikte aus. Allein entlang der beiden Lebensläufe von Joseph Ratzinger und Hans Küng und ihren signifikanten Kreuzungen ließe sich eine Kirchen- und Theologiegeschichte der letzten Jahrzehnte schreiben.

          Der Dezember 1979 ist auch die entscheidende Zäsur im akademischen Leben Hans Küngs. Bis dahin liegen bereits mehr als zwanzig Jahre unerhört erfolgreicher wissenschaftlicher und publizistischer Arbeit als katholischer Theologe hinter ihm. Schon die Dissertation des in der Schweiz Geborenen und in Rom im Collegium Germanicum und an der päpstlichen Universität Gregoriana Ausgebildeten ist ein Fanfarenstoß: Die zentrale evangelische Lehre von der Rechtfertigung, so die These, muss kein Trennungsgrund der Konfessionen sein! Viel freudige Zustimmung in der theologischen Welt, aber in Rom wird ein erstes Dossier angelegt: 399/57/i...

          Dann mit 32 Jahren Professor in Tübingen und Konzilsberater. Sein Ruf und sein internationaler Ruhm festigen sich mit der „Anfrage“ genannten Schrift „Unfehlbar?“ (1970): Durch die Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968, in der Papst Paul VI. jede künstliche Empfängnisverhütung verbot, war die Kirche in eine ungekannte Legitimitätskrise gestürzt. Praktisch kaum ein Gläubiger leistet in diesem Punkt noch Gehorsam. Küng, dem dieser Widerspruch keine Ruhe lässt, argumentiert, dass der Papst vor allem, weil er glaubte, einer scheinbar „unfehlbaren“ Lehrtradition seiner Vorgänger folgen zu müssen, seine Entscheidung getroffen habe. Deswegen müsse die ganze Lehre von der „Unfehlbarkeit“ kritisch untersucht und womöglich korrigiert werden. Aus einem eigentlich pastoralen Anliegen wird so eine frontale Attacke.

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