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90. von Bernhard Diestelkamp : Höchste Rechtskraft

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Wetzlar, Reichskammergericht, um 1772 Bild: Picture-Alliance

Am 12. Juli verleiht die Stadt Wetzlar ihren Kulturpreis – die Lotte-Plakette – an den emeritierten Frankfurter Rechtshistoriker Bernhard Diestelkamp.

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          Am 12. Juli verleiht die Stadt Wetzlar ihren Kulturpreis – die Lotte-Plakette – an den emeritierten Frankfurter Rechtshistoriker Bernhard Diestelkamp. Sie würdigt damit den Nestor der Forschungen zum Reichskammergericht. Dieses Gericht, das zunächst in Speyer, aber von 1689 bis 1806 in Wetzlar residierte, hinterließ einen Bestand von etwa 80 000 Prozessakten. Nach 1806 wurden sie auf ihre Herkunftsorte verteilt. In langjähriger Such- und Rekonstruktionsarbeit hat Diestelkamp sie wieder virtuell vereint. Gleichzeitig entstand ein internationales Netzwerk zur „Höchsten Gerichtsbarkeit“ in Europa.

          Nun konnte man wahrnehmen, wie sich seit dem ausgehenden Mittelalter überall vergleichbare gerichtliche Instanzenzüge ausbildeten. Aus dem reichen Material der Prozesse in Speyer und Wetzlar sind mehrere fesselnde und, nebenbei, auch vergnügliche Bücher entstanden. Die 1973 gegründete Reihe „Quellen und Darstellungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich“ umfasst heute mehr als siebzig Bände. Ohne Diestelkamps Anstöße gäbe es in Wetzlar auch kein Museum des Reichskammergerichts. So ist die malerische kleine Stadt, die sich mit ihren Erinnerungen an Goethe und Lotte schmückt, der rechte Ort, ihn zu ehren.

          Aber es ist mehr. Diestelkamp, aufgewachsen in Stettin und in den Nachkriegswirren in Soest gelandet, entschied sich während des Jurastudiums in Köln, Göttingen und Freiburg früh für die Rechtsgeschichte. Sein Vater war leitender Archivar in Magdeburg und Stettin sowie zuletzt am Bundesarchiv. So war auch für den Sohn die rechtshistorische Forschung eng an die Erschließung von Quellen gebunden. Nach einer Studie über braunschweig-lüneburgische Städteprivilegien des dreizehnten Jahrhunderts und einer weiteren über das spätmittelalterliche Lehnrecht der Grafschaft Katzenelnbogen wurde er 1968 nach Frankfurt berufen. Dort vollzog sich nicht nur ein Generationswechsel, auch die Rechtsgeschichte blühte auf, befreite sich aus dem Korsett der herkömmlichen Dogmengeschichte und bezog, soweit möglich, die dem Recht zugrundeliegenden Realien ein.

          Das hieß, den Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft zu richten, auf die sich Normsetzung und Normvollzug bezogen, von denen sie aber stets abhingen. Das galt für das Reichskammergericht ebenso wie das ihm im Spätmittelalter vorhergehende deutsche Königs- und Hofgericht. Um dessen weithin unbekannte Tätigkeit zu beurteilen, bedurfte es erneut der Erschließung der Quellen. Fast drei Jahrzehnte hat sich Diestelkamp mit seiner Arbeitsgruppe diesem Ziel gewidmet. Erst jüngst konnten die vielbändigen „Urkundenregesten“ abgeschlossen werden.

          Wer Krieg und Flucht als Kind und Jugendlicher miterlebt, ja noch als sportlich weniger begabt den Drill der HJ an sich erlitten hat, den hielt vielleicht „zunächst eine gewisse Scheu davon ab“, wie er schreibt, sich „der selbsterlebten Zeit zuzuwenden“. Aber er tat es, und so entstanden seit den siebziger Jahren zahlreiche Studien zur juristischen Zeitgeschichte. Diestelkamp wurde auch auf diesem Gebiet zu einer Autorität, weil er sich unbefangen und kritisch jenen dunkelsten Zeiten der Rechtsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts widmete. Dass sein Nachfolger den ersten deutschen Lehrstuhl für Juristische Zeitgeschichte besetzen konnte, hängt damit zusammen.

          Die nachwachsende Generation hat es Diestelkamp vielfach gedankt. Heute lebt er mit seiner Frau Gisela wohlbehütet in Göttingen, widmet sich Reisen, Musik und weiteren Studien. Die Frankfurter vermissen ihn, seine umfassenden Kenntnisse, seine Menschlichkeit, seine Klarheit des Urteils. Am heutigen Samstag feiert er den neunzigsten Geburtstag.

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