https://www.faz.net/-gqz-a261k

Daniel Cordier zum Hundertsten : Vom Akteur zum Historiker der Résistance

Daniel Cordier 2018 bei den Feierlichkeiten zum 18. Juni, dem Tag von Charles De Gaulles Appell an die Franzosen im Jahr 1940. Bild: AFP

Sekretär von Jean Moulin im besetzen Frankreich, bedeutender Galerist und Historiker der französischen Widerstandsbewegungen: Zum hundertsten Geburtstag von Daniel Cordier.

          2 Min.

          Am 17. Juni 1940 hört ein Neunzehnjähriger im französischen Süden die Kapitulationserklärung des kurz zuvor zum Regierungschef bestellten Marschalls Pétain. Der junge Anhänger der Action française ist entsetzt. Was waren jetzt, nachdem der Held des Ersten Weltkriegs versagt hatte, die Beschwörungen seines Idols Charles Maurras noch wert, dass Frankreichs Größe nur im Waffengang zu retten sei? So bricht der junge Daniel Cordier kurzentschlossen auf, um diesen Waffengang zu suchen. Nordafrika ist zuerst sein Ziel, doch nach London bringt ihn das Schiff, zur Ausbildung als Soldat des „Freien Frankreichs“ unter General Charles de Gaulle.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der junge Bewunderer von Maurras löst sich dabei von seinen rechten Überzeugungen und wird zum demokratisch sattelfesten Gefolgsmann des Generals. Eine politische Erziehung, die ihre Fortsetzung findet in einer Mission im französischen Untergrund zwei Jahre später. Cordier wird zum Funker und persönlichen Sekretär eines Mannes, den er bis zum Ende des Krieges nur unter seinem Tarnnamen kennt. Es ist kein anderer als Jean Moulin, dessen Arbeit, die verschiedenen Résistance-Bewegungen auf eine gemeinsame Disziplin unter de Gaulles Führung zu verpflichten und mit Absprachen quer durch das politische Spektrum eine Nachkriegsordnung vorzubereiten, er nun Tag für Tag aus nächster Nähe mitverfolgt – bis Moulin im Juni 1943 von der Gestapo verhaftet und in den Verhören zu Tode gefoltert wird.

          Vom Résistant zum Galeristen

          Von dieser Arbeit als Sekretär Moulins hat Cordier erst sehr spät ausführlich erzählt. Er war fast neunzig, als sein Buch „Alias Caracalla“ erschien, in dem er die eigene Geschichte mit seinen Recherchen zur Résistance zu einer lebendig geschriebenen und genauen Chronik verknüpfte. Man liest da auch, dass der verehrte „patron“ – Moulin hatte nicht von ungefähr eine Tarnexistenz als Galerist in Nizza gewählt – ihm kunsthistorische Literatur schenkte. Tatsächlich wurde Cordier nach dem Krieg zu einem bedeutenden Sammler zeitgenössischer Kunst und von 1956 an für acht Jahre zu einem der interessantesten Pariser Galeristen, der einige Zeit auch eine Dependance in Frankfurt unterhielt.

          Ein Gemälde von Nicolas de Staël war für ihn die Initiation in die „sogenannte ,abstrakte‘ Malerei“ gewesen, die er freilich nicht eng fasste. Im Rückblick stehen da Künstler, die er durchsetzte, wie etwa Henri Michaux und vor allem Jean Dubuffet, aber auch eine Reihe von weniger bekannten Namen, die heute gleichwohl ihre Stellung behaupten. 1964 verabschiedete er sich als Galerist, weil er seine Passion nicht der Organisationsarbeit des Händlers opfern wollte. Von den siebziger Jahren an schenkte er den staatlichen Museen eine große Zahl von Werken.

          Arbeit in den Archiven

          Als das Pariser Centre Pompidou 1989 diesen Schenkungen eine große Ausstellung widmete, war sein Name freilich schon aus anderen Zusammenhängen bekannt. Denn als Ende der siebziger Jahre Vorwürfe aufkamen, Jean Moulin sei ein Kryptokommunist gewesen, hatte sich Cordier an die Arbeit in den Archiven gemacht. Es entstand eine mehrbändige Biographie seines „patron“, die ihm wegen des methodisch sicheren Umgangs mit den Quellen unter Zeithistorikern Anerkennung verschaffte.

          „Alias Caracalla“, das einen der renommierten französischen Literaturpreise erhielt und auch für einen Fernsehfilm adaptiert wurde, hat Julian Jackson noch unlängst aus der Sicht des Historikers und Biographen De Gaulles als großes Buch herausgestellt. Aber es umfasst nur vier Jahre aus dem Leben Cordiers, und in Gesprächen ließ dieser wissen, dass von einer Fortsetzung schon einige hundert Seiten geschrieben seien. Doch nicht sie erschien einige Jahre später, sondern ein schmaler Band, der auf anrührende und gleichzeitig doch nüchterne Weise von der éducation sentimentale des Jugendlichen erzählt, der sich in einem geistlich geführten Internat in einen Mitschüler verliebt.

          Die Hoffnung ist also nicht aufzugeben auf ein weiteres Buch von Daniel Cordier. Heute begeht er, der mittlerweile zu den letzten vier lebenden Compagnons de la libération zählt, seinen hundertsten Geburtstag.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.