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Zum Holocaust-Gedenktag : Der Kommerzialrat charterte die rettende Flotte

  • -Aktualisiert am

Von den 185.000 Juden Österreichs im Jahre 1938 wurden 65.000 Opfer des Holocaust. Wegen der forcierten Auswanderung und Vertreibung haben zwei Drittel der Juden den Holocaust überlebt. Durch Storfers Tätigkeit konnten 2042 Juden Österreich verlassen. Aus dem übrigen Reichsgebiet hat er 7054 Menschen zur legalen oder illegalen Auswanderung verholfen. Man müsste annehmen, dass ein Retter von diesem Kaliber schon vor langer Zeit als Gerechter von Yad Vashem geehrt wurde. Das ist nicht der Fall. Er und seine tausendfachen Rettungstaten werden totgeschwiegen.

„Wenn einer eine einzelne Seele rettet, / Ist es so, als hätte er die ganze Welt gerettet.“ Dieser Spruch aus dem Talmud ist das Gründungsmotto von Yad Vashem. Der Text entspricht den universalistischen Geboten der Propheten Israels wie Jesaja und Jeremia, die für alle Menschen gelten, für Juden und Nichtjuden. Trotzdem und in Widerspruch zum eigenen Motto werden nur nichtjüdische Retter als Gerechte durch Yad Vashem geehrt. Die in derselben Zeit wirkenden jüdischen Retter werden dagegen von Yad Vashem ignoriert, obwohl sie oft auch ihr Leben für die Rettung ihrer Brüder riskierten oder verloren haben. Aber Storfer war ja Christ. Das gilt in Jerusalem nicht. „Einmal Jude, immer Jude“ ist das rabbinische Gesetz. Sollte in Zukunft diese Regel geändert werden, dann wäre der Held des Rettungswiderstandes Berthold Storfer einer der ersten Kandidaten für diese Ehrung.

Eines der letzten Opfer

Nach Abschluss der Transporte war Storfer nicht mehr aktiv. Im Herbst 1943 sollte er im Auftrag der SS wegen geheimer Devisenangelegenheiten in die Schweiz reisen, doch wurde die Sache abgesagt. Warum hat sich Storfer nicht selbst gerettet? Er hatte mit seinen Verbindungen unzählige Möglichkeiten zur Flucht ins Ausland. Der ledige Mann brauchte sich keine Sorgen wegen der Repressalien gegen seiner Familie im Falle seines Verschwindens zu machen. Als er später erfuhr, dass er deportiert werden sollte, tauchte er unter, wie auch sein jüdischer Bruder Samuel, der die Finanzen verwaltete. Er und dessen Frau haben als U-Boote überlebt. Sein Bruder Joseph erledigte die Formalitäten in Bukarest, sein Schwager Mandler wirkte in Pressburg. Storfer wurde jedoch verhaftet und nach Auschwitz verbracht.

Im Herbst 1944 kam Eichmann dort mit dem Häftling Storfer zusammen. Diesen Vorgang schilderte er 1960 in der Vernehmung durch den aus Berlin stammenden Polizeihauptmann Avner Less in Jerusalem.

Hier der Originalton Eichmann: „ Storfer? Ja, dann war es ein normales, menschliches Treffen gewesen. Er hat mir sein Leid geklagt. Ich habe gesagt: Ja, mein lieber guter Storfer, was haben wir denn da für ein Pech gehabt? Und ich habe ihm auch gesagt, schauen Sie, ich kann Ihnen wirklich gar nicht helfen, denn auf Befehl des Reichsführers kann keiner Sie herausnehmen. Ich hörte, dass Sie hier eine Dummheit gemacht haben, dass Sie sich versteckt hielten oder türmen wollten, was Sie doch gar nicht notwendig gehabt haben. Und dann hab’ ich Höß gesagt, arbeiten braucht Storfer nicht.“

Was war das Ziel dieser Begegnung, da Eichmann schon vorher wusste, dass Storfer nicht befreit werden sollte? Wollte er von Storfer vielleicht die letzten Geheimnisse um Nummernkonten und Banksafes der SS in der Schweiz herauspressen? Der joviale Ton ist eine freche Maskerade. Die jüdischen Mitarbeiter Eichmanns durften ihn nur stehend und in dritter Person ansprechen, manche hat er geohrfeigt. Storfer hat die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 nicht mehr erlebt, denn er wurde in November 1944 als Geheimnisträger besonderen Ranges ermordet. Er war eines der letzten Opfer vor der Demontage des Gaskammern. Ehre dem Andenken eines vergessenen Helden.

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