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Zum Holocaust-Gedenktag : Der Kommerzialrat charterte die rettende Flotte

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Die Schiffe „Pacific“ und „Milos“ wurden am 14. November vor Haifa von britischen Kriegsschiffen aufgebracht und in den Hafen geleitet. Die Mandatsregierung verkündete am 20. November, dass von nun an alle illegalen Einwanderer in eine britische Kolonie deportiert würden, wo sie zur Strafe bis zum Kriegsende verbleiben müssten. Am 24. November traf auch die „Atlantic“ in Haifa ein. Am selben Tage begann man, zunächst die Passagiere der „Pacific“ an Bord des im Hafen liegenden französischen Passagierschiffes „Patria“ zu bringen, mit dem die Flüchtlinge nach Mauritius deportiert werden sollten. Um die Deportation zu verhindern, hatte ein Mitglied der Miliz Hagana am Rumpf des Schiffes eine Sprengladung angebracht, welche die Fahrt unmöglich machen sollte. Nachdem die ersten Passagiere der „Atlantic“ an Bord gebracht waren, detonierte die Sprengladung. Sie erwies sich als viel zu stark, so dass die „Patria“ innerhalb von fünfzehn Minuten sank. Trotz aller Rettungsmaßnahmen der britischen Marine kamen 254 Personen bei dieser Katastrophe um. Die restlichen Passagiere der „Atlantic“ und „Milos“ wurden zunächst in das Internierungslager Atlith geschickt, wobei die britische Polizei teilweise Gewalt anwenden musste.

Von der Deportation zur „Endlösung“

Am 8. Dezember brachte man die 1584 restlichen Personen an Bord der Schiffe „New Zealand“ und „Johan de Witt“, mit denen sie nach Mauritius transportiert wurden, wo sie bis zum August 1945 in einer alten Festung, nach Geschlechtern getrennt, untergebracht waren. Die ursprünglich geplante Deportation der geretteten Flüchtlinge der „Patria“ musste auf Grund von Protesten aus den Vereinigten Staaten und nach einer Intervention des Zionistenführers Dr. Weizmann bei Churchill unterlassen werden. Sie durften im Lande bleiben.

Im Oktober 1941 wurde jegliche Auswanderung der Juden verboten. Von nun an sollten alle im Machtbereich Nazideutschlands lebenden Juden im Rahmen der „Endlösung“ ermordet werden. Die erzwungene Emigration wurde ersetzt durch die Deportation nach den Vernichtungslagern.

Nach der Ankunft des Konvois in Palästina beeilten sich Vertreter der Jüdischen Gemeinden in Wien, Berlin, Danzig und Prag, Storfer für die mit so vielen Risiken verbundene Durchführung dieses Transports zu loben, auch wenn die Tragödie des Schiffes „Patria“ nicht vergessen werden konnte. Die Prager „Jüdische Emigrationshilfe“ schrieb bereits im November 1940 an Storfer: „Nur wer von derartigen Transporten etwas versteht, kann ermessen, welch Ungeheures Sie unter den schwierigen Voraussetzungen geleistet haben ... Wir geben unserer Empörung Ausdruck über die Verleumdung einzelner Reiseteilnehmer, doch können wir Ihnen versichern, das jeder klarsehende Mensch diese Lumpereien verachten und ignorieren muss.“ Erich Frank, Leiter des linkszionistischen Hechalutz in Berlin und eines illegalen Schifftransportes, änderte sein negatives Urteil über Storfer. Dalia Ofer hat über die Auswanderung und Rettung der mitteleuropäischen Juden gründlich recherchiert. Gabriele Anderl bereitet eine Biographie des vergessenen und oft verleumdeten Berthold Storfer vor.

Verschwiegene Rettungstat

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