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Zum Holocaust-Gedenktag : Der Kommerzialrat charterte die rettende Flotte

  • -Aktualisiert am

Storfer plante, gemeinsam mit den Zionisten einen großen, ja, den bisher größten Schiffstransport zu organisieren. Nur einer Person mit seiner Energie, Durchsetzungsfähigkeit und Kenntnis der Balkan-Region und Mut war es möglich, diese riskante Unternehmung durchzuführen. Die Verwirklichung des Planes begann im September 1939. In Pressburg an der Donau wurden etwa 600 Flüchtlinge aus Danzig und aus dem Altreich in einem leeren Fabrikgebäude untergebracht. Das war der Wartesaal für Palästina. Dort wurden sie bald von den slowakischen Milizen, den Hlinka-Gardisten, bewacht. Bis zum Sommer 1940 war die Lage in Pressburg untragbar geworden. Die jüdisch-amerikanische Hilfsoganisation „Joint“ überwies zwar den Betrag von 13.800 englischen Pfund für den Kauf der Schiffe von einem griechischen Reeder, aber die Zahlung wurde von einem zionistischen Emissär eine Zeitlang blockiert. In der Zwischenzeit stiegen die Preise für Kohle, Lebensmittel, Versicherungsprämien und so weiter, so dass Storfer die Differenz nachzahlen musste. Auch die DDSG verdoppelte ihre Fahrpreise. Die Matrosen verlangten einen mehrfachen Lohn. Die Schiffe sollten unter der spanischen Flagge fahren, aber der spanische Konsul widerrief seine Zusage, und Storfer musste die panamesische Registrierung und die Flaggen teuer bezahlen.

Strapazen der Überfahrt

Er musste mehrmals nach Griechenland und Rumänien reisen, um die Verträge mit den Reedern abzuschließen und um vorab Formalitäten in den Häfen zu erledigen. Pro Kopf und Reisenden betrugen die Kosten 900 Mark, die vorab bezahlt werden mussten. Storfer ist es im September 1940 endlich gelungen, einen großen Transport auf vier DDSG-Schiffen auf den Weg zu bringen. Am 3. September 1940 liefen die „Schönbrunn“ und die „Helios“ mit zusammen 1771 Menschen aus, darunter 600 freigelassene Häftlinge aus Dachau, 300 alte Menschen und 150 Kinder. Ihnen folgten noch am selben Tag die „Uranus“ und „Melk“ mit zusammen 1880 Menschen aus Österreich, dem Protektorat und Danzig.

In den rumänischen Donau-Häfen Sulina und Tulcea warteten drei Schiffe. Am 7. Oktober lief die „Atlantic“ mit 1829 Flüchtlingen von Tulcea aus. Am 11. Oktober folgte die „Pacific“ mit 986 Passagieren von Sulina, und am 19. die „Milos“mit 880 Passagieren von Tulcea. Auf diesen schrottreifen Schiffen herrschten unbeschreibliche Zustände. Auf der „Pacific“ gab es kaum Trinkwasser. Die Flüchtlinge mussten in Schichten schlafen und konnten nur abwechselnd an Deck kommen, um frische Luft zu schöpfen. Auf der „Atlantic“ brach eine Typhusepidemie aus; es starben fünfzehn Menschen. Als nach einigen Tagen die Kohle knapp wurde, mussten alle brennbaren Gegenstände, Kabinenwände, Masten und Pritschen, demoliert und zu Brennholz gemacht werden, bis von der „Atlantic“ nur noch ein eisernes Skelett übrig war.

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