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Zum Holocaust-Gedenktag : Der Kommerzialrat charterte die rettende Flotte

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Mit der Organisation der illegalen Auswanderung, der „Alija Bet“ (Auswanderung B), waren auch Emissäre aus Palästina und lokale zionistische Mandatsträger betraut. Die Funktionäre des linkszionistischen „Hechalutz“ und des rechtszionistischen „Betar“, die die Schiffstransporte organisierten, hielten Kontakt mit ihren Zentralen in Palästina. 1939 trat jedoch zunehmend Berthold Storfer in den Mittelpunkt der Aktivitäten. Die „Zentralstelle“ setzte unter Androhung von Konzentrationslager den Zwang zur Ausreise durch. Bereits im Februar 1939 ist die Wiener „Zentralstelle“ der neuen „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“ in Berlin unterstellt worden, die auch eine Außenstelle in Prag eröffnete. Eichmanns Bediensteten ist es gelungen, täglich 350 Anträge zu bearbeiten. Der deutsche Staat war an einer forcierten Auswanderung der Juden auch deshalb interessiert, weil er das Vermögen der Juden, geschätzt fünf Milliarden Mark, dringend für die Rüstung brauchte. Wer Deutschland verließ, durfte nur zehn Mark mitnehmen. Mit der Vertreibung sparten sich die Nationalsozialisten den Ärger mit noch gesetzestreuen Rechtspflegern bei den Handelregistern, Grundbuchämtern, Banken und so weiter.

Die jüdischen Organisationen, die sich zuvor hauptsächlich um soziale, religiöse und kulturelle Angelegenheiten gekümmert hatten, wurden nun zu Institutionen der Zwangsemigration. Sie wurden gezwungen, mit den Nationalsozialisten zu kooperieren. Das Muster, jüdische Organisationen zunächst zur eigenen Abwicklung, später zur Vorbereitung der Vernichtung zu benutzen, hatte hier seinen Anfang.

Eine Unternehmung von ungekannter Größe

Für die meisten Fahrten, legal oder illegal, wurde die Donau als internationaler Wasserweg benutzt. Eichmann drohte den Juden: „Entweder ihr verschwindet über die Donau oder in der Donau!“ Die Flüchtlinge fuhren mit Linienschiffen der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) bis zur Donaumündung und wurden dort auf Hochseedampfer umgeschifft. Die Behörden der Transitländer waren über das wahre Ziel der Reise informiert. Deshalb mussten fiktive Endvisa von bestechlichen Konsularbeamten zu hohen Preisen gekauft werden. Storfer und die zionistischen Aktivisten mussten mit meist wenig seriösen Reedern und Mittelsmännern in den Balkanländern zusammenarbeiten. Nur alte Schiffe konnten zu überhöhten Preisen für die riskanten Fahrten gekauft werden.

Im März 1940 übernahm Storfer auf Befehl der SS die Leitung der legalen wie der illegalen Transporte auch aus dem Altreich und dem Protektorat. Er war damit die wichtigste Person für die Auswanderung der Juden aus ganz Großdeutschland geworden, die eigentlich eine Vertreibung nach vorheriger gründlicher Beraubung war. Die zionistischen Emissäre und Funktionäre reagierten mit Hass und beschuldigten Storfer, ein Kollaborateur und „im Bunde mit dem Teufel“ zu sein. Grund der Konflikte Storfers mit den Zionisten war, dass diese ihre jungen, landwirtschaftlich geschulten Kader für die Reise nach Palästina bevorzugten. Storfer dagegen sorgte sich auch um Häftlinge aus KZs, die unter der Bedingung der sofortigen Ausreise freigelassen wurden. Bei einer Verzögerung drohte ihnen die nochmalige Haft. Storfer hat auch ältere und begüterte Menschen aufgenommen, die für die mittellosen Auswanderer die Reisekosten bezahlten.

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