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Zum Geburtstag einer Serie : Familienerbe

Dieser große Clan schert sich nicht um Anomalien. Obwohl keines der Familienmitglieder sich selbst bewegen kann, kommen zur Geburtstagsfeier doch alle 1672 zusammen.

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          Wenn die Sippe am 2. Juli ihr hundertjähriges Bestehen feiert, sind 1672 Mitglieder dabei, obwohl die offizielle Zählung nur 1355 angibt. Aber es hatte 1945 eine Familienspaltung gegeben, als deren Folge zwei Seitenlinien entstanden, die sich jeweils munter fortpflanzten, doch nur selten Rücksicht auf Familienplanung nahmen. Dadurch hatte es Doppelbenennungen gegeben - so manche schwere Geburt war auch dabei -, die bei der Verwandtschaft auf der anderen Seite nicht gut gelitten waren. Aber als 1991 beide Linien wieder vereint wurden, führte man einfach die etwas weiter gediehene fort, und Jahr für Jahr wächst sie seitdem. Zuletzt war siebenfacher Nachwuchs zu begrüßen, darunter eine Wiedergeburt des ersten Kindes der Familie.

          Am 2. Juli 1912 waren zwar gleich zwölf zur Welt gekommen und an die deutschen Buchhandlungen ausgeliefert worden, aber Rainer Maria Rilkes Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ wurde als Nummer 1 der Insel-Bücherei geführt. Wie seine Geschwister, darunter Bücher von Cervantes, Goethe, Hofmannsthal, Flaubert, aber auch Bismarck und Friedrich dem Großen, war der „Cornet“ schon damals ein Wiedergänger gewesen, denn Ziel der Reihe sollte sein, kleinere Bücher, „die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind oder denen wir eine besondere aktuelle Wirkung zu geben beabsichtigen“, neu und vor allem schön und günstig zugänglich zu machen.

          Eine qualitätvolle Replik

          Der „Cornet“ etwa war bereits 1906 auf Betreiben von Stefan Zweig als Buch erschienen, doch erst die abermals von Zweig vermittelte Ausgabe, mit der der Leipziger Verleger Anton Kippenberg seine Insel-Bücherei beginnen ließ, begründete Rilkes breiten Erfolg. Und mehr noch den der Insel-Bücherei selbst. Für damals fünfzig Pfennig bot sie literarisch anspruchsvolle Texte in sorgfältiger Ausstattung, bei der vor allem die gemusterten Überzugpapiere, mit denen die kleinformatigen Pappeinbände beklebt waren, herausstachen.

          Damit fand Kippenberg eine qualitative Antwort auf den sensationellen Erfolg der Taschenbücher, mit denen etwa die Konkurrenz von Reclam reüssierte, und das Gestaltungskonzept der Reihe hat sich hundert Jahre lang nicht verändert - auch nicht, als sie von 1945 bis 1991 durch die Insel Verlage in Leipzig und Wiesbaden (später Frankfurt am Main) parallel zueinander fortgeführt wurde. So ist die Familienähnlichkeit am Festtag gewahrt, und wir werden auch fortan die jüngsten Kinder am untrüglichen Erbteil erkennen: innere wie äußere Schönheit.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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