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Bazon Brock zum Achtzigsten : Schöne Beredsamkeit

Nicht nur Bücher, auch Blumen halten jung: Der emeritierte Professor für Ästhetik und Philosophie, Bazon Brock, in seinem Wuppertaler Wohnzimmer. Bild: dpa

Intervention mittels Affirmation: Zum Geburtstag des Ästhetikers Bazon Brocks, der sich dieser Tage mit der „Kritik der kabarettistischen Vernunft“ das schönste Geschenk selbst bereitet.

          Wer Mitte der fünfziger Jahre damit begann, ernsthaft über ästhetische Fragen nachzudenken, konnte an zwei Tatsachen nicht vorbeigehen. Die klassischen Avantgarden – auch der radikalste Dadaismus – waren in den Museums- und Reprint-Betrieb aufgenommen worden; eine unmittelbare Fortsetzung ihrer kritischen Strategien verbot sich. Zum Zweiten begann die Massenkultur ihren Siegeszug mit Werbung, erweitertem Warenkonsum, Fernsehen und Massenpresse. Die Lage der Kunst erforderte eine höhere Stufe der ästhetischen Reflexion, und das Werk von Brock, auf die simpelste Formel gebracht, ist die konsequente Integration von künstlerischer Intervention und Kunsttheorie.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Folglich spielt die Rede für diesen Mann eine Hauptrolle, seine wirklichen Vornamen sind Jürgen Johannes Hermann – „Bazon“ (griechisch: Schwätzer) hatte ihn sein Lateinlehrer genannt, er wendete die Kritik um in einen Ehrennamen. Und fast kann man aus dieser Geste seine ganze Strategie ableiten. Früh fand Brock zu einer neuen Maxime: sein Weg wurde die „Affirmation“. Aber nicht als blinde Hinnahme der Verhältnisse, sondern eher so, wie es Karl Marx einmal formuliert hatte: Man müsse den „versteinerten Verhältnissen ihre eigene Melodie vorspielen und sie so zum Tanzen bringen.“

          Eine seiner ersten, im Kontext der Bundesrepublik prophetisch zu nennenden Interventionen mittels Affirmation war die 1963 erschienene, gemeinsam mit Thomas Bayrle und Bernhard Jäger gestaltete „Bloom Zeitung“. Heute kostet sie im Antiquariatsmarkt um die 700 Euro. Es handelte sich um ein genaues Pastiche der „Bild“-Zeitung vom 8. April 1963, bei der alle Namen und Hauptbegriffe ersetzt worden waren, angefangen vom Titel, über die Werbeanzeigen bis zum Aufmacher „Bloom will Kanzler bleiben!“. Die Zeitung wurde an der Frankfurter Hauptwache verkauft – und so war der Anschluss an eine weitere hochaktuelle Kunsttendenz gefunden: das Happening. Die Anti-Springer-Proteste der Achtundsechziger waren bloß Nachzügler einer ästhetischen Invention.

          Kommunikation mit Witz

          Natürlich musste Brock auch auf die Affirmation der Ware und der populären Stars in der Kunst von Andy Warhol stoßen, dem er später einen großen Essay widmete. Aber welche Tendenz hätte er seither nicht kritisch begleitet! Und zwar ebenso theoretisch wie performativ; einmal erklärt er den mittelalterlichen Bilderstreit, ein anderes Mal macht er einen Handstand. Eines seiner frühesten Werke ist ein gelbes Blechschild, den handelsüblichen Schildern nachempfunden: „Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ Sätze eines im pommerschen Stolp geborenen Mannes, der durch eine Phosphorbombe schwer traumatisiert wurde, dessen Vater die Russen erschossen und der zwischen 1945 und 1948 in einem dänischen Lager interniert war.

          In Berlin hat Brock eine Art Galerie, die „Denkerei“. Große Räume, die ebenso der Selbstkanonisierung seiner tatsächlich prächtigen, großgewachsenen und gut stilisierten Erscheinung dienen wie der Präsentation seines vielgestaltigen Werks, und dazu der lebendigen geistigen Auseinandersetzung. Brocks Eichmaß ist und bleibt die Kommunikation, nur dass sie weniger mit Habermas als mit geradezu Friedrich-Schlegelischem Witz gehandhabt wird.

          In diesen Tagen erscheint ein Buch des Dankes, das er sich selbst geschenkt hat: „Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiographisches Scherbengerücht“. Darin finden sich Würdigungen all jener, die ihn über die Jahrzehnte prägten: Adorno ist natürlich dabei, die unvergessene Frankfurter Buchhändlerin Melusine Huss, der Filmemacher Werner Nekes, der Dichter und Aktionskünstler Hans Imhoff und viele andere. Heute feiert Bazon Brock seinen achtzigsten Geburtstag.

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