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Zum Fall Beltracchi : Ich ging mit immer größerem Herzklopfen an dem Bild vorbei

  • -Aktualisiert am

„Als Gutachter werden Kunsthistoriker im Kunsthandel oft wie Handlanger eingesetzt.“ Das müsse sich ändern, findet Gisela Geiger, Leiterin des Museums Penzberg Bild: Museum Penzberg

Es ist Zeit, Konsequenzen aus dem Beltracchi-Skandal zu ziehen. Auch Gisela Geiger, die Leiterin des Museums in Penzberg, ist dem Kunstfälscher aufgesessen. Im Gespräch fordert sie nun eine Reform des überhitzten Kunstmarkts.

          Frau Geiger, Sie beschäftigen sich seit 2002 intensiv mit dem Werk Heinrich Campendonks. 2007 sind Sie bei den Gemälden „Mann mit Blume“ und „Rote Kuh vor Häusern“ dennoch Fälschungen aufgesessen. Warum?

          Als Museumsmensch, gerade wenn man eine Sammlung aufbaut, ist man erst einmal froh, wenn einem ein Bild, das im Werkverzeichnis aufgeführt ist, durch den freundlichen Sammler zur Verfügung gestellt wird. Und ein Kunsthistoriker im normalen Betrieb hat kaum Zeit und Gelegenheit – und in den wenigsten Fällen auch eine Ausbildung, die dafür geeignet ist –, kriminaltechnische Untersuchungen anzustellen.

          Wie sind Ihnen die Fälschungen dann doch aufgefallen?

          Bei dem Bild „Mann mit Blume“ hat sich das beim genauen Hinschauen entwickelt. In den Wochen, als es bei uns hing, wurde ich misstrauisch. Ich ging jeden Tag mit größerem Herzklopfen daran vorbei. Von der zweiten Fälschung, einer von Beltracchi, habe ich erst über das LKA erfahren. In der zweiten Auflage des Katalogs zur Ausstellung habe ich die Bilder dann rausnehmen lassen.

          Campendonk ist 1957 gestorben. Wie erklären Sie sich, dass das 1989 erschienene Werkverzeichnis nicht durchgehend verlässlich war?

          Man muss sehen, dass Werkverzeichnisse meist erstellt wurden von jungen Kunsthistorikern, oft als Dissertation. Und die haben diese kunsthistorische Fleißarbeit meist sehr schön aufgestellt, hatten aber weder einen naturwissenschaftlichen oder maltechnischen Hintergrund noch einen kriminaltechnischen. Noch hatten sie ein großes Netzwerk, das sie hätten befragen können. Im Falle Campendonks hat die Historikerin zum Beispiel sehr auf die Informationen der Familie vertraut. Heute würde keiner mehr ein Werkverzeichnis im Alleingang erstellen, sondern man hätte immer Expertengremien.

          Welche Konsequenzen hat Ihr Haus aus dem Fälscherskandal gezogen?

          Zum einen haben wir eine Arbeit unterstützt, die an der FH in Köln entstanden ist. Dort ist eine maltechnische, ohne in die Bilder durch Entnahme eingreifende Untersuchung aller uns verfügbaren Campendonk-Gemälde entstanden. Daraus kann eine Datenbank entstehen, in der festgehalten wird, wie er wann gemalt hat und welche Farben, Bindemittel und Leinwände er verwendet hat. Zum anderen bin ich inzwischen recht gut vernetzt, zum Beispiel mit anderen Museen, Restauratoren oder dem LKA. Aber man muss sich überlegen: Wer zahlt eigentlich solche Netzwerke?

          Inwiefern sollten Galerien und Auktionshäuser in die Pflicht genommen werden, kriminaltechnische und restauratorische Analysen zu übernehmen?

          Wünschenswert wäre ein zentrales Register von Werken, die für den Kunsthandel – gerade bei Auktionshäusern – angeboten werden, auch wenn diese Angebote abgelehnt werden. Dass also jemand nicht bei verschiedenen Auktionshäusern immer wieder mit demselben Bild ankommen kann. Zum Zweiten brauchen wir wirklich vernetzte Expertengremien.

          Und Standards, unter welchen Bedingungen diese arbeiten: dass nämlich kein kunsthistorisches Gutachten nur stilkritisch abgegeben wird, sondern dass es da auch eine naturwissenschaftliche Basis gibt und dass ein Abchecken nach Provenienzen stattfindet. Aber dafür, dass diese Vernetzungen wirklich genutzt werden, dazu braucht man Zeit. Diese jetzt vorherrschende Haltung „Du musst mir jetzt mal schnell ein Gutachten schreiben, und ich brauche das bis übermorgen“, ist unmöglich.

          Zum Dritten muss es einen festen Tarif für Gutachten geben. Weil diese Finanzierung der Expertengruppen auch irgendwo bewerkstelligt werden muss. Als Gutachter werden Kunsthistoriker im Kunsthandel oft wie Handlanger eingesetzt.

          Warum lassen die das mit sich machen?

          Wenn Sie ein Werkverzeichnis erstellt haben, sind Sie sozusagen in der Pflicht. Und wenn Sie sich weigern würden, ein Gutachten abzugeben, ernten Sie nur Wut bis hin zu Erpressungsversuchen. Da ist ein Marktinteresse, und dann wird erwartet, dass man funktioniert. Und man will ja auch: Meistens ist man in einem Museum angestellt und möchte natürlich mit Sammlern als Dauerleihgebern und dem Kunsthandel in gutem Kontakt bleiben. Man tauscht Informationen aus, man ist Teil eines Netzwerks.

          Haben die Bücher der Beltracchis insofern etwas Gutes, als dass sie auf die ganzen Missstände aufmerksam machen?

          Wolfgang Beltracchi hat im Prozess weder sagen müssen, welche Werke noch unterwegs sind, noch hat er Aufschluss darüber geben müssen, wo die Gelder eigentlich hingegangen sind. All das ist rechtlich nicht aufgearbeitet worden, und insofern finde ich diese Geschichte mit dieser sehr sentimentalen Bonnie-und-Clyde-Darstellung ärgerlich. Eine umfassendere rechtliche Aufarbeitung des Falls vor Gericht wäre mir lieber gewesen. Da lagen Stapel von Akten, die akribisch aufgearbeitet waren und die nicht aufgeschnürt wurden.

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