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Bericht des Weltklimarats : Kein Kommentar zur Apokalypse

Ein Bild der Dürre. Bild: AFP

Der Weltklimarat IPCC stellt bald seinen Bericht vor. Erste Angaben sickern immer vorher durch: Achtzig Millionen Hungertote mehr, 410 Millionen Hitzewellen-Opfer. Die Veröffentlichung in Raten ist Absicht.

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          Notiz des Weltklimarats IPCC vom Mittwoch, 23. Juni, Abteilung PR: Kein Kommentar. Medienberichte, die ausweislich interner Zitate aus dem Entwurf der Arbeitsgruppe II für den bevorstehenden sechsten IPCC-Sachstandsbericht auf die existenziellen Folgen des Klimawandels hinweisen, werde man offiziell nicht kommentieren.

          Das ist natürlich kein Dementi. Die planetare Krise nimmt ihren Lauf, und allen, die bei den gestrigen Nachrichten über „irreversible Folgen“ und mehr als 80 Millionen zusätzliche Hungeropfer und 410 Millionen Hitzewellen-Geschädigte zum ersten Mal zusammengezuckt sind, sei der Hinweis nachgeliefert, den sich der IPCC spart: Es wird nicht besser.

          Im Gegenteil, alles wie gehabt. Sogar der IPCC-Leak wiederholt sich mit schöner Regelmäßigkeit und gibt dem Weltklimarat, der als Kassandra-Agentur der UN fest im Sattel sitzt, den perfekten Anlass, das Panorama der Katastrophennachrichten um einen Medientermin zu erweitern.

          Nun also hat die Welt, wenige Wochen vor der Veröffentlichung des ersten Teils des neuen Sachstandsberichts, aus den Medien erfahren, dass sich über die letzten Jahre wieder einiges an Evidenzen zum Klimawandel angesammelt hat. Vom Weltklimarat selbst stammt das Allerwenigste an diesen Wissensbeständen, denn der Rat forscht nicht selbst. Vielmehr trägt er in Person von Tausenden ehrenamtlich bestellter Experten das zusammen, was sich aus zahllosen, qualitativ sorgfältig kuratierten Fachveröffentlichungen geradezu aufdrängt an Weisheiten.

          Wenn man so will, ist der IPCC das größte und immer noch weiter wachsende Gelehrtennetzwerk, das explizit auf Konsens abzielt und am Ende des zyklischen Veröffentlichungsprozesses jeweils die Zertifizierung weltumspannender Klimaweisheiten leistet. Schon deshalb wird jede frische Zeile aus dem Innern des IPCC-Betriebs wie Goldstaub behandelt. Wem dieser an den Fingern haftet, der kann quasi gar nicht anders, als seine neugewonnene Weisheit mit der ganzen Welt zu teilen.

          Regelmäßig unbeachtet bleibt dabei allerdings, so auch diesmal wieder, der politische Arm des IPCC. Die wissenschaftliche Autorität ist nämlich nur das eine. Das entscheidende Wort hingegen, das die Klimapolitiken der UN-Staaten am Ende leiten soll, wird wesentlich durch Korrekturen bestimmt, die bis zur Abfassung des IPCC-Berichts aus den Regierungsbüros einlaufen – und auf den letzten Drücker hinter den Kulissen ausgehandelt werden. Der Leak des „vertraulichen“ Entwurfs ist so gesehen nichts weiter als ein wichtiges Rädchen im PR-Getriebe. Weshalb in dem ganzen Krisenbewältigungsprozess des IPCC nichts so sicher ist wie das Kein-Kommentar-Formular – und die Katastrophenmeldungen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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