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Zum Achtzigsten von Albert Speer : Er ist der Meister der Mäßigung

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Der Respekt vor dem Vorhandenen als Leitmotiv: Albert Speer in seinem Frankfurter Büro. Bild: Kaufhold, Marcus

Albert Speer ist ein Architekt, der Megastädte menschenwürdig macht. Das Weiterführen vorhandener Strukturen wurde zum Leitmotiv seiner Arbeit. Rastlos tätig wie und eh feiert er nun seinen achtzigsten Geburtstag.

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          Wer hätte es ihm verdenken wollen, wenn er spätestens zu Beginn des Architekturstudiums seinen Namen geändert hätte? Doch der Sohn von Hitlers willfährigem Architekten und Rüstungsminister behielt nicht nur den Familiennamen Speer bei, sondern auch den Vornamen des Vaters, den man ihm bei seiner Geburt 1934 gegeben hatte - man kann sich das Gemunkel der Kommilitonen und Professoren ausmalen, als Albert Speer 1955 an der TU München die ersten Seminare besuchte.

          Einer seiner Lehrer war Hans Döllgast, der 1947 beim Wiederaufbau von Münchens kriegsversehrter Alter Pinakothek die Schaufront mit unverputzten Trümmerziegeln so abschloss, dass der Bombentrichter erkennbar blieb. Wie sein Lehrer klassizistische Rundbögen und Säulen in puristisch modernen Formen nachzuzeichnen war nicht die Sache des jungen Speer. Aber der Respekt vor Vorhandenem und das Weiterführen vorhandener Strukturen, die er schon 1964 in seinem ersten Frankfurter Büro zu Leitmotiven seiner Arbeit machte, sind ohne das Vorbild Döllgasts kaum denkbar.

          Der Entwurf des Architekturbüros Albert Speer und Partner für das Airport Office Center am Frankfurter Flughafen.

          Sehr bald nutzte Speer sein Talent zu städtebaulichen Großformaten - 1964 debütierte er mit einer Siedlung bei Ludwigshafen, 1966 und 1968 folgten mit den Plänen für die touristische Entwicklung der Region rings um die antike Stadt Side in der Türkei und der Stadtplanung von Tripolitanien in Libyen die ersten Auslandsaufträge. Daraus entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte das Großbüro AS&P (1984), das derzeit 150 Mitarbeiter beschäftigt, seit 2001 eine Repräsentanz und seit 2007 eine Tochtergesellschaft in Schanghai unterhält.

          Dutzende Städte in China und den arabischen Ländern haben Speers Büros inzwischen errichtet, sie bauten Ökosiedlungen, als noch niemand daran dachte, erarbeiteten Masterpläne in Russland und Afrika, organisieren die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover und die Expo 2010 in Schanghai. Trotzdem blieb Speer Deutschland und Frankfurt, der Stadt seiner Anfänge, verbunden: 1983 legte er für „Mainhattan“ einen Hochhausleitplan vor; die Häuserkämpfe der Frankfurter Studenten im Westend und das Aufbegehren der Bürger gegen willkürlichen Hochhausbau im Gedächtnis, schuf er ein Koexistenz-Modell, das bis heute funktioniert, will sagen: die schlimmsten Auswüchse hemmt.

          „Kultur für alle“: Als 1980 Kulturdezernent Hilmar Hoffmann sein legendäres Motto propagierte, stand ihm Albert Speer mit dem Entwicklungskonzept für das Museumsufer zur Seite, das heute internationales Ansehen genießt. Achtzehn Jahre später folgte die Rahmenplanung für Frankfurts neues Europaviertel.Heute tätig am Masterplan für Köln, morgen in Schanghai, übermorgen in Qatar: der Frankfurter Weltbürger Speer hat jeden Grund, stolz auf sein Werk zu sein.

          Der Kern seines Ringens um menschliche Architektur auch in Megadimensionen aber wurde erkennbar, als er 2005 in Heinrich Breloers Dokumentation über Albert Speer senior als Zeitzeuge mitwirkte - gefasst und doch fassungslos über die Abgründe in der Seele des Menschen, der sein Vater war. Am Dienstag wird Albert Speer, nach wie vor rastlos tätig, achtzig Jahre alt.

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