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Die Palmen von Cannes : Die Welle, die das Kino trägt

Das Lächeln der Sieger: Ruben Östlund und seine Hauptdarstellerin Charlbi Dean Bild: Reuters

Die Palme für Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ überstrahlt jede Kritik an seinem Film. Und die Dardenne-Brüder sind die wahren Veteranen von Cannes. Eine Bilanz zum Abschluss des Festivals.

          3 Min.

          Dass auf einem Festival in einer Stadt an der Côte d’Azur, die jeden Tag von einem anderen Kreuzfahrtschiff heimgesucht wird, ein Film den Hauptpreis gewinnt, der von der Havarie und vom Untergang eines Kreuzfahrtschiffs handelt, hat eine gewisse Logik. Insofern war Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ der passende Sieger der 75. Filmfestspiele von Cannes – passend auch deshalb, weil die Zuschauer in Abendkleidern und Smokings, die sich den Film nach der Preisverleihung im Festivalpalast ansahen, auf einer Mittelmeerkreuzfahrt ganz sicher zu den Gästen auf dem Oberdeck und nicht zum Personal ge­hören würden, das im Schiffsinneren die Mahlzeiten kocht und die Toiletten putzt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Östlunds Film wird diese Hierarchie am Ende umgekehrt. Die Putzfrau sorgt für das Überleben der Schiffbrüchigen und versorgt dafür sich selbst mit allem, was sie kriegen kann – dem besten Essen wie dem schönsten Mann. Zuvor aber gibt „Triangle of Sadness“ eine Kinostunde lang dem Af­fen Zucker, indem er „Europas Edelfäule“ (Benn), die Reichen und Hässlichen unter den Globalisierungsgewinnern, erst saufend und schnatternd ans Buffet, dann kotzend und japsend auf die Planken schickt. Es ist diese Kombination aus Mo­ral­fa­bel und Grand Guignol, Belehrung und Bespaßung, welche die Jury unter dem Vorsitz des französischen Filmschauspielers Vincent Lindon of­fen­sichtlich überzeugt hat. Man könnte Östlunds kalkuliertes Spiel mit un­se­rer Schadenfreude auch kalt oder so­gar zynisch nennen, aber einen Palmengewinner ficht das nicht an. Der Glanz von Cannes überstrahlt jede Kritik.

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