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Zum 85. Geburtstag : Wie wird man Jürgen Habermas?

Der Meister aller öffentlichen Debatten: Niemand hat die Streitkultur dieses Landes so befeuert wie Jürgen Habermas. Am Mittwoch wird er fünfundachtzig. Die Anatomie einer einzigartigen Karriere.

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          Jürgen Habermas ist auf zweierlei Art berühmt. Unter den Lebenden ist er der weltweit bekannteste deutsche Philosoph und zugleich der bekannteste Intellektuelle dieses Landes. Das ist weder dasselbe noch selbstverständlich. Denn die universitäre Philosophie ist schon lange eine Spezialdisziplin. Umgekehrt gehen philosophische Autoren, die große Theater füllen können – man denke an Slavoj Žižek und Peter Sloterdijk –, als Intellektuelle durch, den Respekt der Fachkollegen aber genießen sie nicht. Mit der „Theorie des kommunikativen Handelns“ wiederum, seinem 1981 vorgelegten Hauptwerk, hat Habermas zwar stattliche Auflagen erreicht. Doch wie viele Käufer werden sich durch die beiden Bände voller Rekonstruktionen klassischer Texte der Sozialphilosophie sowie der Handlungstheorien Max Webers und Talcott Parsons’ samt ihren Auswertungen von linguistischen, moraltheoretischen, entwicklungspsychologischen Forschungen hindurchgearbeitet haben? Eingängig wird man Habermas’ dortige Schreibweise auch nicht nennen wollen.

          Andere seiner Generation waren entweder – wie Hans Blumenberg, Niklas Luhmann, Dieter Henrich – in erster Linie Gelehrte oder entfalteten – wie Hermann Lübbe, Wilhelm Hennis – in erster Linie zeitdiagnostische Urteilskraft. Jürgen Habermas hingegen steht für die Möglichkeit, beide Rollen in einer Biographie unterzubringen und in beiden eine Weltfigur zu werden. Wie war das möglich?

          Er meldet sich zu Wort

          Es war möglich, weil Habermas früh einen klaren Blick für die Lage der Philosophie im zwanzigsten Jahrhundert hatte. Sie geriet nämlich immer mehr in die Verlegenheit, dass die Einzelwissenschaften das Gebiet des Erforschbaren unter sich aufgeteilt haben und ihr enteilt sind. Kaum ein Philosoph ist noch imstande, die Texte derjenigen zu verarbeiten, die über die Gegenstände seines Nachdenkens tatsächlich forschen, sei es nun Natur, Geschichte, Politik, Sprache, Erkenntnis oder Gesellschaft. Das brachte und bringt Philosophen in die Gefahr, „weltanschaulich“ zu werden, sich also selbst auszudenken, wovon sie sprechen.

          Drei Möglichkeiten sind ausprobiert worden, um diesem Dilemma zu entgehen, und Jürgen Habermas hat sie alle drei ergriffen. Die Philosophie kann sich erstens Fragen zuwenden, die prinzipiell nicht verwissenschaftlicht werden können. Es gibt keine Disziplin vom eigenen Tod, kein Fachwissen von der schönen Erscheinung, keine Freiheitsforschung. Habermas hätte von seinen ersten Publikationen her, in denen Mitte der fünfziger Jahre Schelling auf Marx traf und „Entfremdung“ der Leitbegriff war, auch ein linker Existentialist werden können. Heidegger, von dem der stärkste Impuls zu Fundamentalfragen diesseits der Wissenschaft ausging, wurde von ihm „anthropologisch“ gelesen. Im Bonner Seminar seines Lehrers Erich Rothacker machte man das so, und „Anthropologie“ war ohnehin seit jeher der Name für ein Fach, das es gar nicht gibt, das aber philosophisch dringend erwünscht ist. Habermas schrieb früh über falschen Freizeitgebrauch, kritisierte in immer neuen Varianten die Herrschaft technischer Mittel über praktische Zwecke, meldete sich zu Wort, wenn Fragen des „Menschseins“ zur Debatte standen, sei es im Zuge von biomedizinischen Fortschritten oder von ökonomischen, bürokratischen, politischen Gefährdungen dessen, was er die Lebenswelt nannte und wovon es auch keine Wissenschaft gibt.

          Kritik der Ideologisierung

          Die Philosophie, die es stattdessen gibt, kann aber, zweitens, philosophische Forschung werden. Schon Marx glaubte nicht mehr, Geschichtsphilosophie sei möglich ohne das Studium der Ökonomie. Mit der hatte es die Frankfurter Schule nicht so, aber Habermas wuchs in einer akademischen Umgebung auf, in der stattdessen gegen weltanschauliche Redensarten „Sozialforschung“ aufgeboten werden sollte. Die Hoffnung war, aus soziologischen Umfragen, Schichtanalysen und Technokratiestudien springe, wenn man sie richtig anlege, das normativ Wünschbare ex negativo heraus: als Befund von Ausbeutung, Entrechtung, Krise, die alle als „Widersprüche“ der modernen Gesellschaft beschrieben wurden. Noch der Übergang von der nach 1968 anstrengend gewordenen Universität an ein Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Starnberg, an dem es bald noch anstrengender wurde, stand für Habermas im Zeichen eines solchen Forschungsprogramms.

          Doch jene „Theorie des kommunikativen Handelns“, die es enthielt, fand wenig Anwendung; jedenfalls nicht die soziologische, für die sie bestimmt war. Der Max-Planck-Direktor trat 1981 zwar nicht aus intellektuellen Gründen zurück, sondern weil er sich nicht durch arbeitsrechtlich munitionierte Leistungsverweigerung von Mitarbeitern zermürben lassen wollte. Doch die Rückkehr an die Frankfurter Universität beendete auch den Versuch, in Konkurrenz zu seinem Antipoden Niklas Luhmann, eine Theorie der modernen Gesellschaft zu schreiben.

          Bleibt die dritte Möglichkeit der Philosophie, auf den Verdacht ihrer Entbehrlichkeit zu reagieren. Sie ist es, die Habermas weit über die wissenschaftliche Sphäre hinaus berühmt gemacht hat. Früh wollte er Journalist werden, übte den Beruf auch aus. Seine glänzende Habilitationsschrift von 1962 galt dem Aufstieg und der bürgerlichen Bestimmung der Massenmedien. Mit dem Titel „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ betonte sie an ihnen wiederum den praktischen Zweck, die Selbstverständigung einer politischen Gemeinschaft, um die überwuchernden Mittel der bloßen Aufmerksamkeitserzeugung, der Unterhaltung und der Ideologisierung zu kritisieren.

          Eine Begabung für Negation

          Für Habermas ist Öffentlichkeit dazu bestimmt, Wahrheitsfragen an politische Argumentationen zu richten und hierdurch zu vernünftigem Konsens zu kommen. Das nähert sein Konzept der Öffentlichkeit, die kollektiven „Lernprozessen“ gilt, dem des Seminars an. Was den Griechen die Polis war, sind für ihn Zeitung und Universität.

          Jürgen Habermas ist ein großer Virtuose darin, diese drei Motive – existentielle, sozialwissenschaftliche, publizistische – auseinander hervorgehen und sich wechselseitig begründen zu lassen. Zugleich besteht er auf Rollentrennung zwischen dem Philosophen, dem Empiriker und dem Polemiker, um sie im nächsten Moment selbst aufzuheben. Es gibt keinen großen Streit in der Bundesrepublik, an dem er nicht beteiligt war, wenn er ihn nicht sogar auslöste. Oft folgten sie dem Muster: „Ich bin zwar kein Historiker, Jurist, Finanzökonom – aber...“. Das kommt dem berechtigten Zweifel entgegen, dass wir uns auf Experten verlassen können. Kein Philosoph hat mehr strategisches Geschick in Debatten diesseits der Expertise als Habermas, wenngleich die Zustimmung aller, die ohnehin nie erreicht wird, auch darum nie erreicht wird.

          Das macht sie als Ideal nur noch schöner. Weil in solcher Schönheit und im Wissen um die richtigen Werte aber die große Gefahr des Erbaulichen liegt, ist Jürgen Habermas, der ihr manchmal nachgibt, von seinem Bildungsweg mit einer fabelhaften Begabung für Negation ausgestattet worden. Die Gefahr des vernünftigen Konsenses besteht nicht. Am Mittwoch feiert Jürgen Habermas, der auf bewundernswerte Weise in der Geistesgeschichte der Bundesrepublik Dabeisein und Dagegensein kombiniert hat, seinen fünfundachtzigsten Geburtstag.

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