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Zum 50. Todestag : Adornos irdisches Ende

  • -Aktualisiert am

Theodor W. Adorno, 1903 bis 1969 Bild: Picture-Alliance

An diesem Dienstag jährt sich Theodor W. Adornos Todestag zum fünfzigsten Mal. Eine Erinnerung und ein Filmessay zum Vernunftbegriff des Philosophen, untermalt von Kompositionen aus seiner Hand.

          2 Min.

          Er fühlte sich schwach, brach Spaziergänge ab. Die neuen Stiefel schienen nicht bequem.  Drei Tage zuvor, auf einer Wanderung, ein Loch in den Stiefeln. Er kauft neue. Die Füße wehrten sich gegen die neuen. Er konnte das für sich als Grund annehmen, den »Dienst« für den heutigen Nachmittag hintanzusetzen. Sie bettete ihn in seinem Bett. Den Krimi­nalroman nahm er an. Als sie eine Stunde später nach ihm sah, war er tot.

          Der Kandidat für ein öffentliches Amt trug im alten Rom ein weißes Gewand ohne Taschen. Das zeigte an, daß er sein Amt ohne Besitz antrat, unbefleckt. So lag der Tote in einem weißen Pyjama auf weißem frischen Laken; an der Oberseite der Nachtdecke war mit Knöpfen weißes Leinen befestigt. Er lag, als schliefe er, konnte nicht Auskunft geben, an welcher Ursache er gestorben war und ob ein Anwesender in der Todesstunde ihn hätte retten können. Streit war vorausgegangen. Seine Frau und deren Schwester bildeten eine Clique. Die angereiste Geliebte wurde von den Frauen weggebissen. Kaum vermochte er sie zu schützen. »Zeichen« der Götter hatte er nicht beachtet. Das Loch im Schuh! Spray in die empfindlichen Augen vor Hörsaal 5! Statt Ruhe zu geben, nahm er Frischzellen vom Hausarzt. Den Kriminalroman hatte er angenommen.

          Aufruhr, einem hochrangigen Schweizer Hotel angemessen, das seine Dienst­bereitschaft in einem solchen Ernstfall unter Beweis stellt. Schon nach Minu­ten sind Ärzte da, die nichts ausrichten können. Man läßt die Leiche, wie sie liegt.

          Theodor W. Adorno, 1903 bis 1969 Bilderstrecke
          Theodor W. Adorno : Der Philosoph, der Frankfurts intellektuelles Profil prägte

          In einem Zinksarg fährt der Tote auf seiner letzten Bahnreise nach Frankfurt/ M. Die Zollbehörde hat das Gefäß im Grand Hotel versiegelt. Die Plombe kennzeichnet, daß das Objekt nicht zum Transport von Schmuggelgut ver­wendet werden kann. Vorweg eilt die Nachricht in die Welt vom Ableben des GROSSEN ASCHENBACH. Die Frau macht sich Vorwürfe. Sie meint, sie wäre imstande gewesen, den Tod abzuwehren. Sie meint, sie sei unaufmerk­sam gewesen. Auch war ein Streit nicht beigelegt.

          Sie, eine erfahrene Chemikerin, nahm Gift, sobald die Funeralien beendet, der Tote begraben, einiges Schriftgut und das Testamentarische bereinigt waren. Ungeduldig zog sie in den Tod. Erst hier, unterwegs, verhielt sie sich unauf­merksam. Das Gift, nicht recht dosiert, lähmt einen Teil ihrer Seele, der andere lebte gedächtnislos viele Jahre.

          Als Th. W. Adorno in Bergschuhen und dem weißen Gewand des Kandidaten den Parnaß betritt, ist alles anders, als man sich vorstellt. Hier begrüßt ihn kein Voltaire, Bonaparte, kein Musiker wie Monteverdi, Schönberg oder Schubert. Der Kandidat kommt vielmehr gedächtnislos. Einerseits ist das Parallel-Universum tatsächlich (die jeweils andere Hälfte der Quanten) von Hier­archien durchherrscht, aber sie folgen keiner 7er-, 12er-, 9er-Zahl, die überra­schenden Engels-Chöre zerfallen zweifellos in Seraphim, Throne, luziferische Wesen, sind aber geordnet in der chaotischen Bauweise der Vorstädte von Säo Paulo. Der Parnaß ist nicht Chaos und nicht Symmetrie. Das Sprechen ist abhandengekommen. Unter so überraschenden Verhältnissen mußte sich der Gelehrte, praktisch ohne Gegenüber und Erlerntes, rasch orientieren. Denn der Parnaß ist eine bloße Zwischenstation. Die Einteilung für die Wiederkehr hat, entgegen irdischen Ansichten, wenig mit der Bewährung auf Erden zu tun, sondern mit der raschen Auffassungsgabe nach Verlust aller geistigen Hilfs­mittel in diesem Zwischenland. Dem Toten nutzt auch das weiße Gewand nichts. Kein Richter ist da, der ihm hilft. Möglich, daß das musikalische Ohr, auch gedächtnislos, von Nutzen ist. In der Ferne sieht man fliehende Götter.

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