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Zum 450. Geburtstag : Shakespeares Bett

In Weimar diskutierten Albert Ostermaier und Feridun Zaimoglu über die globale Bedeutung Shakespeares und die Schwierigkeit sein Werk neu zu adaptieren. Dürfen deutsche Dichter den „Othello“ verbessern?

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          War er der größte Dichter aller Zeiten? Größer als Homer und Dante? Größer als Goethe? Wenn Großbritannien den 450.Geburtstag von William Shakespeare feiert, will Weimar, das Welthauptstädtchen der deutschen Klassik, nicht abseitsstehen. Während am Abend des 23.April Shakespeare-Raketen durch den englischen Himmel zischen, eine britische Theatertruppe Shakespeare in elftausend Meter Höhe aufführt, im Flugzeug nach Verona, dem Schauplatz von „Romeo und Julia“ nämlich, und das ehrwürdige Londoner Victoria and Albert Museum mit dem Ausruf „Cakespeare!“ zum Shakespeare-Tortenwettbewerb auffordert, sitzen im Festsaal des Weimarer Schlosses zwei deutsche Schriftsteller auf heißen Shakespeare-Kohlen.

          Zunächst sollen sie das Rätsel der Faszination dieses Dichters erklären und danach eigene Texte vortragen, die aber nicht nur eigene sind: Albert Ostermaier und Feridun Zaimoglu haben Theaterstücke geschrieben, die so eng an Shakespeares Dramen angelehnt sind, dass sich nicht eindeutig sagen lässt, womit wir es da zu tun haben. Nachdichtungen? Bearbeitungen? Überschreibungen? Schon naht die Frage aller Fragen: Kann man Shakespeare verbessern?

          FSK 15 bei Shakespeare

          Ostermaier, dessen Shylock-Stück „Ein Pfund Fleisch“ 2012 in Hamburg uraufgeführt wurde, zieht die Notbremse: „Diese Frage ist inkorrekt!“ Der deutsche Hang zu „Literaturgottesdienst und Weihespiel“ sei unproduktiv. Shakespeare sei anders als deutsche Dichterfürsten „nie unnahbar“, keines seiner Werke auf hermetische Weise abgeschlossen oder letztgültig zu interpretieren. Er ist so groß, dass er Respektlosigkeit nicht nur erträgt, sondern danach verlangt: „Über Shakespeare zu schreiben heißt, beim Schreiben nicht allein zu sein.“

          Zaimoglu sucht dagegen den Kampf: Er habe sich während der Arbeit an seiner Othello-Adaption, die 2003 in München auf die Bühne kam, an Shakespeares Sprache „zerschlagen“ müssen, bevor er zu einem eigenen Ton fand. Helen Mirren, die nicht zuletzt für ihre Leistung als Shakespeare-Darstellerin geadelt wurde, hat übrigens jetzt gefordert, Shakespeare-Lektüre für Leser unter fünfzehn Jahren zu verbieten: Englands Nachwuchs solle mit dreizehn ins Theater geschickt werden, danach würden die Jugendlichen Shakespeare unter der Bettdecke lesen. Zaimoglu hat seine erste Begegnung mit Shakespeare empfunden, als würde ihm die Bettdecke weggerissen: „Ich schlief und wurde geweckt.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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