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Zum 300. Geburtstag : Friedrich II. im Philosophenspiegel

  • -Aktualisiert am

Sein Königreich hätte Friedrich II. nicht für ein Pferd gegeben. Aber es war durchaus auch militärisches Geschick, was Philosophen an dem Herrscher schätzen konnten Bild: dapd

Wenn es jemals einen Philosophen auf dem Thron gegeben hat, dann den preußischen König, dessen dreihundertster Geburtstag am 24. Januar gefeiert wird.

          11 Min.

          Das Grundmotiv ist alt: Um dem Unheil in der Welt ein Ende zu bereiten, möge sich Geist, exemplarisch die Philosophie, mit der politischen Macht verbinden. Wie vieles in der Philosophie stammt dieses Grundmotiv von ihrem ersten Kirchenvater, Platon. Es bildet das Herzstück seines berühmtesten Werkes, der „Politeia“, und steht dort wegen seiner überragenden Bedeutung genau in der Mitte: „Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten oder die jetzt so genannten Könige und Gewalthaber sich aufrichtig und gründlich mit Philosophie befassen, und dies beides in eines zusammenfällt, politische Macht und Philosophie, gibt es kein Ende des Unheils für die Staaten.“

          Platon wusste, dass dieser Philosophenkönigssatz Anstoß erregen würde. Und die Geschichte scheint ihm recht zu geben. Von der Menge verspottet, von Gebildeten belächelt, gilt der Satz bestenfalls als leere Hoffnung. Denn warum sollten akademische Philosophen zur einschlägigen Herrschaft sowohl fähig als auch bereit sein?

          Platon versteht freilich unter Philosophen weder Universitätslehrer noch Argumentationskünstler, die wie die Sophisten ihre Kunst beliebigen Zwecken andienen. Platon meint Personen, die wie Sokrates an der Wahrheit und nichts als der Wahrheit interessiert sind. Die Wahrheit im Bereich menschlichen Zusammenlebens besteht aber in Gerechtigkeit. Der Philosophen-Königssatz verlangt also, dass auf gerechte Weise für das Wohl aller Betroffenen gesorgt werde. Und er behauptet, für diese Sorge seien nicht bloß Institutionen, sondern vornehmlich Personen verantwortlich – mit dem irritierenden Zusatz, diese Personen müssten Philosophen sein.

          I.

          Die ältere Geschichte bietet dafür nur ein einziges Beispiel: den Stoiker auf dem Kaiserthron, Mark Aurel. Zweifellos war er im Unterschied zu vielen seiner Vorgänger und Nachfolger ein rechtschaffener Herrscher. Aus der Verbindung von Geist mit politischer Macht ist aber mehr, nämlich eine von philosophischen Grundsätzen inspirierte Staatsreform zu erwarten. Diese Erwartung erfüllte Mark Aurel nicht. Anders verhält es sich erst beim zweiten berühmten Beispiel, dem Preußenkönig Friedrich II., dessen dreihundertster Geburtstag am kommenden Dienstag gefeiert wird. Dieser Herrscher nahm sich zwar Mark Aurel zum Vorbild. Weil er aber durchgeführt hat, was bei seinem Vorbild fehlte, Staatsreformen, darf er in höherem Maße als „roi philosophe“, als Philosoph auf dem Königsthron, gelten.

          Auge in Auge mit der Philosophie: Rainer Ehrt zeichnet Friedrich II. (rechts) beim Schachspiel mit Voltaire
          Auge in Auge mit der Philosophie: Rainer Ehrt zeichnet Friedrich II. (rechts) beim Schachspiel mit Voltaire : Bild: (c) akg-images / Ehrt

          Wenn man Friedrichs Epoche, das Zeitalter der Aufklärung, auch „siècle de philosophes“ nennt, so bezieht man sich auch hier nicht auf akademische Philosophen. Denn diese gehörten damals nicht zu den intellektuellen Wortführern. Im Ausdruck „Jahrhundert der Philosophen“ sind jene aufgeklärten Zeitgenossen angesprochen, die schon der junge Prinz meint, wenn er einen Brief mit „Frédérique le philosophe“ unterzeichnet. Einige Jahre später, während seiner Verbannung auf Schloss Rheinsberg, lernt er zwar mit dem deutschen Aufklärer Christian Wolff die Philosophie im akademischen Verständnis kennen. Von dessen Logik abgesehen, lehnt er aber bald Wolffs rationalistisches Systemdenken ab und lässt sich lieber auf den Briefwechsel mit einem damals weit berühmteren Philosophen und Schriftsteller ein: mit Voltaire.

          Bei einem erweiterten Verständnis von politischer Herrschaft ist auch der ein Philosophenkönig. Denn Voltaire, nach Goethe das „Wunder seiner Zeit“, ist nicht nur bis heute der Prototyp des kritischen Intellektuellen, der dank Rhetorik, Witz und beißenden Spotts für die neuen Themen eine politische Öffentlichkeit schafft – also für Vernunft, Toleranz und Freiheit sowie für die Kritik angemaßter Autorität seitens des Königs, der Bürokratie und noch mehr der Kirche. Voltaire erwirbt sich auch eine derartig überragende Autorität, dass er zum Herrscher über die Debatten der Epoche und genau damit zu einer europäischen Großmacht wird.

          Das Gegenbild zu einer Politik im Namen der Aufklärung kennen wir aus dem berühmtesten wie berüchtigtsten Fürstenspiegel des Abendlandes, aus Machiavellis „Il Principe“. Dazu verfasst der junge Kronprinz Friedrich einen „Anti-Machiavel“. Mit Mark Aurel als stillschweigendem Vorbild fordert er hier den Fürsten zu einem tugendhaften Leben auf, geleitet von Vernunft und Gerechtigkeit, so dass sich die Untertanen ein Vorbild nehmen können. Zwei weitere Ansichten verdienen hervorgehoben zu werden: einerseits Friedrichs Angriff auf die traditionelle Religion und die geistlichen Fürstentümer, andererseits seine Warnung vor den Gefahren der Republiken, die in etwa Demokratien entsprechen. Gegen sie spreche, dass sie wegen ihres Übermaßes an Freiheit „fast alle in die Knechtschaft“ zurückgefallen seien.

          Bei einem derartigen Text überrascht es nicht, dass Friedrich II. zu den wenigen Fürsten seiner Zeit gehört, eigentlich die einzige Ausnahmeerscheinung war, von der sich die Aufklärer eine Regierung im Sinne der Aufklärung, also ihrer Prinzipien von Vernunft, Toleranz und Freiheit, erwarteten. Menschheitsgeschichtlich gesehen könnte Friedrich sogar den ersten Beleg für die Realisierbarkeit von Platons Philosophenkönigssatz bieten. Die erwähnten zwei Akzente zeigen allerdings auch, dass schon der Kronprinz kein der Macht abholder Schöngeist war, sondern ein klares Gespür für politische Macht besaß: Die Instanz, die ein künftiger König, ohne seine Herrschaft zu gefährden, zurechtstutzen kann, die übermächtige Kirche (im Plural), wird vorbehaltlos kritisiert. Aber dort, wo er seine künftige Herrschaft einschränken, strenggenommen sogar aufgeben müsste, bei der Ablösung der Monarchie durch eine Republik, findet er lieber Gegenargumente.

          Zugespitzt versteht Friedrich das Aufklärungsmotto der Kritik nur als Religions-, nicht als Staatskritik. Allerdings reiht er sich auch dadurch in die Reihe großer Aufklärer ein, dass er sich, wie vor ihm Leibniz, Hume und Voltaire, mit dem Werk „Histoire de mon temps“ (Geschichte meiner Zeit, 1775) als ein beachtenswerter Historiker erweist.

          II.

          Wie aber nehmen die Aufklärer den regierenden Friedrich wahr? Der Fürst der europäischen Aufklärung, Voltaire, ist in seinem Denken durch Francis Bacon, John Locke und Newtonsche Physik geprägt; politisch bewundert er den englischen Liberalismus. Mit Friedrich II. verbindet ihn zwar gegenseitige Wertschätzung, auch setzt er in ihn, zunächst als Kronprinzen, später als König, große politische Hoffnungen. Dass er sich von Friedrich philosophisch-politisch beeinflussen ließe, ist jedoch kaum zu belegen. Und seine Hoffnungen werden durch Friedrichs Einfall in Schlesien erschüttert. Der irritierte Voltaire spricht in vornehmer Zurückhaltung von der Metamorphose eines Apolls zum Mars, also eines Pazifisten zum Krieger. Allenfalls nachsichtig akzeptiert er ein die hehren politischen Grundsätze beeinträchtigendes „Gewicht der politischen Realitäten“, also ein gewisses Maß an politischem Realismus. Dem entspricht in etwa auf Friedrichs Seite der Ausspruch, er sei Philosoph aus Neigung, Politiker aus Pflicht.

          Reduktion zur Niedlichkeit: KPM stellt kleine Friedrich-Porzellanfiguren her
          Reduktion zur Niedlichkeit: KPM stellt kleine Friedrich-Porzellanfiguren her : Bild: Klaus-Dietmar Gabbert

          Ein anderer großer Aufklärer, Denis Diderot, zunächst Mitherausgeber, später Alleinherausgeber der monumentalen „Encyclopédie“, singt Friedrich II. ein fast überschwängliches Lob. Im Enzyklopädie-Artikel „Preußen“ nennt er ihn 1746 einen der größten Monarchen. Durch sein Gesetzbuch (gemeint ist das erst später in Kraft getretene Preußische Landrecht), durch die Erneuerung der Berliner Akademie und den Schutz der Künste und Wissenschaften habe Friedrich sich unsterblich gemacht. Damit biete er der Welt das seltene Schauspiel eines Königs, eines Gesetzgebers und eines Philosophen auf dem Thron.

          Nicht ganz so überschwänglich, vielmehr in philosophischer, preußischer Nüchternheit fällt die Wertschätzung bei einem der berühmtesten Untertanen Friedrichs, bei Immanuel Kant, aus. In dessen Essay „Was ist Aufklärung?“ (1784) erhält der König einen prominenten Platz. Und die darin zutage tretende Einschätzung ist nicht etwa einmaliger Natur. Vierzehn Jahre zuvor widmete Kant dem König seine Dissertation „De mundi sensibilis atque intelligibilis“ zum Antritt der Professur (Über die Sinnes- und Verstandeswelt, 1770).

          Schon in seiner kurz vor dem Aufklärungsessay erschienenen geschichtsphilosophischen Hauptschrift „Idee zu einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ von 1784 nennt Kant die Aufklärung ein großes Gut und erwartet, dass sie sich, womit Friedrich angesprochen ist, auf die Regierungsgrundsätze der Herrscher ausdehne. Der Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ geht noch einen Schritt weiter. Denn er verlangt selbst vom einfachen Bürger, den für die Aufklärung erforderlichen Mut aufzubringen und sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

          Damit diese Aufgabe erleichtert werde, setzt sich Kant für ein Grundelement des politischen Liberalismus ein, für die Freiheit, „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“. Und in diesem Zusammenhang zitiert er Friedrichs bekannte Devise: „Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt, aber gehorcht!“ Kant redet damit nicht einem Rest an Autoritätsgläubigkeit das Wort. Vielmehr betont er, dass es für legitime Interessen eines Gemeinwesens Ämter braucht und weder Amtsinhaber noch Bürger ihre entsprechenden Pflichten im Namen der Meinungsfreiheit verletzen dürfen.

          Für Kant ist Friedrich aufgeklärt, weil er in Religionsdingen den Menschen volle Freiheit lässt und ihn damit „als erster“ wenigstens von Seiten der Regierung aus der Unmündigkeit herausführe. Diese Leistung ist für Kant der Grund, mit einer Verbeugung vor dem Aufklärer auf dem Königsthron seine Epoche nicht nur das „Zeitalter der Aufklärung“, sondern auch das „Jahrhundert Friedrichs“ zu nennen. Dieses Jahrhundert währt allerdings nur kurz. Zwei Jahre später stirbt Friedrich und erhält als Nachfolger auf dem preußischen Thron einen König, Friedrich Wilhelm II., der der aufgeklärten Toleranz seines Vorgängers durch ein Religionsedikt seines Kulturministers Johann Christoph von Wöllner ein Ende setzt und Kant mit einem Zensurkonflikt belastet.

          Wie schon Friedrich, so verfasst auch Kant einen Anti-Machiavell, allerdings nur der Sache nach, denn der Florentiner wird nicht erwähnt. Weit zupackender als Friedrichs „Anti-Machiavell“ besteht Kants Text, ein Anhang der Schrift „Zum ewigen Frieden“, im Wesentlichen aus dem Zurückweisen von drei „sophistischen Maximen“, die ihrem Gehalt nach „Schlangenwendungen einer unmoralischen Klugheitslehre“ seien. In derselben Schrift, zudem an prominenterer Stelle, im „Ersten Definitivartikel zum ewigen Frieden“, zitiert er Friedrich II. mit dessen berühmtem Wort, er sei bloß der oberste Diener des Staates. Nach Kants Erläuterung spricht sich darin nicht etwa Hochmut aus, vielmehr gebe der König ein gutes Beispiel für die allein legitime, die repräsentative Regierungsform ab.

          In der „Kritik der Urteilskraft“ erwähnt Kant ein Gedicht des verstorbenen Königs und sieht in diesem Gedicht sogar eine „Vernunftidee von weltbürgerlicher Gesinnung“ am Werk. Schließlich zitiert er in der Anthropologie-Vorlesung die Antwort des Königs auf den Direktor der schlesischen Schulanstalten, Sulzer. Dieser berief sich in einem Gespräch auf den Rousseauschen Grundsatz, der Mensch sei von Natur aus gut, worauf der König antwortete: „Diese verfluchte Rasse, der wir angehören, kennen Sie nicht genügend.“

          III.

          Der nach Kant nächste große Philosoph der Politik, Hegel, zollt Friedrich II. noch größere Achtung. Er tituliert ihn des öfteren als „Philosophen König“ oder als „Friedrich den Großen“. Auch lobt er, wie vorher schon Diderot, Friedrichs literarische Feder. In den beiden Werken aber, in denen man am ehesten eine philosophische Auseinandersetzung erwartet, in der „Phänomenologie des Geistes“ (1807) und in den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (1821), wird der Preußenkönig nur beiläufig erwähnt. In einem Text von 1817 zu den Württemberger Landständen hingegen hält Hegel drei Dinge, die für sein eigenes Staatsverständnis wesentlich sind, für Friedrichs Verdienst: eine repräsentative Verfassung, einen gesetzmäßigen Zustand und die Mitwirkung des Volkes bei der Gesetzgebung.

          Nicht weniger gewichtig ist Friedrich in Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte präsent. Im vorletzten Kapitel, „Wirkung der Reformation auf die Staatsbildung“, erklärt Hegel, dass Friedrich in der neueren Zeit als „philosophischer König“ eine einzigartige Erscheinung sei, der den religiösen Streitigkeiten abhold war. Trotzdem endet das Kapitel nicht etwa mit einem Lob auf den Vorkämpfer einer aufklärerischen Toleranz, die es jedem erlaube, nach seiner Façon selig zu werden. Hegel hält erstaunlicherweise das Toleranzprinzip nicht für ein allgemein gültiges, folglich überkonfessionelles Prinzip. Vielmehr nennt er es das protestantische Prinzip, von der weltlichen Seite aufgefasst.

          Folgerichtig wird Friedrich II. als „Held des Protestantismus“ apostrophiert. Denn vom Siebenjährigen Krieg erklärt Hegel, dieser sei zwar „kein Religionskrieg“ gewesen, aber Friedrich habe mit ihm der Koalition der katholischen Hauptmächte Europas widerstanden. Hier entpuppt sich Hegel mehr als Philosoph einer einzigen christlichen Konfession, polemisch gesagt: als Chefideologe des Protestantismus, denn als ein konfessionell neutraler philosophischer Aufklärer wie Kant.

          Das letzte Kapitel der genannten Vorlesungen nimmt eine umfassende und zugleich uneingeschränkte Würdigung des Preußenkönigs vor. Kant hatte das Zeitalter der Aufklärung das „Jahrhundert Friedrichs“ genannt, doch Hegel überbietet diese Wertschätzung, denn er behauptet, mit dem Regenten Friedrich II. sei eine „neue Epoche in die Wirklichkeit getreten“. In ihr habe „das wirkliche Staatsinteresse seine Allgemeinheit und seine höchste Berechtigung erhalten“. Hegel geht mit seinem Lob aber zu weit, wenn er behauptet, Friedrich habe „den allgemeinen Zweck des Staats denkend gefasst“. Ein so überragender politischer Philosoph, der in die Galerie der Klassiker des politischen Denkens aufzunehmen sei, war der Preußenkönig denn doch nicht. Wohl kann man Hegel aber darin zustimmen, dass Friedrichs II. „unsterbliches Werk ein einheimisches Gesetzbuch ist“, auch wenn dieses, das Preußische Landrecht, erst unter dem Nachfolger in Kraft getreten ist.

          Hegel nimmt Friedrich sogar in die Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie auf. Zunächst erläutert er die beiden Gestalten, in denen man als philosophischer König auftreten kann, und ordnet dann beide dem Preußenkönig zu: Wie bei Mark Aurel sei Friedrich die Philosophie, als er Wolffs Metaphysik und französische Philosophie las, eine Privatsache gewesen. Philosophie als Privatsache verbessere aber nicht das eigene Gemeinwesen. Durch Mark Aurel sei das Römische Reich nicht besser geworden, während Friedrich ein wahrhaft philosophischer König gewesen sei, der das Wohl des Staates zum Prinzip seines politischen Handelns gemacht habe. Friedrich sei zwar kein Reformator oder gar Revolutionär gewesen, doch „er führte ein, was Bedürfnis war, religiöse Toleranz, Gesetzgebung, Verbesserung der Gerechtigkeitspflege, Sparsamkeit mit der Staatskasse“.

          IV.

          Einen nach Ansicht von Philosophen so überragenden König vergisst man nicht bald. Friedrich II. wird auch von der nächsten und übernächsten Philosophengeneration noch gelobt. Schopenhauer bescheinigt dem König Großzügigkeit und Toleranz. Denn Kant habe nur deshalb „zugleich von und für die Philosophie“ leben und die „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlichen können, weil „ein Philosoph auf dem Throne saß“. Und der Kant-Bewunderer Schopenhauer fährt fort: „Schwerlich würde unter irgend einer anderen Regierung ein besoldeter Professor so etwas gewagt haben“.

          Laut Schopenhauers Preisschrift über die Grundlage der Moral hat der Staat zum einzigen Zweck, „die Einzelnen vor einander und das Ganze vor äußeren Feinden zu schützen“. Keineswegs dürfe er zu einer „Moralitäts-Erziehungs- und Erbauungs-Anstalt“ werden. Für diesen politischen Liberalismus gilt Schopenhauer Friedrich II. als Vorbild, ebenso dafür, dass der König aufgrund seiner Hochschätzung geistiger Aristokratie Voltaire nicht irgendwo, sondern im Widerspruch zur damals üblichen Etikette an der Tafel der regierenden Herren und Prinzen plazierte.

          Auch Marx und Engels halten Friedrich II. weiter präsent. Im „Anti-Dühring“ wird er für etwas gelobt, auf das die anderen Philosophen kein Augenmerk richten: für den König als Feldherren, der für die Infanterie die sogenannte Lineartaktik zur höchsten Vollendung brachte. Auch wird, allerdings ohne den Namen des Autors zu nennen, das vielzitierte Friedrich-Wort erwähnt, dass jeder nach seiner Façon selig werden könne. Der erste Band des „Kapitals“ billigt dem König sogar Ansätze zur Bauernbefreiung zu. Marx führt sie allerdings auf wenig edle Motive zurück: „Er brauchte Soldaten für seine Armee und Steuerpflichtige für seinen Staatsschatz.“

          Noch für den nächsten großen deutschen Philosophen, Friedrich Nietzsche, gehört der Preußenkönig zu den Personen, auf die man sich an passender Stelle beruft. In „Menschliches, Allzumenschliches“, dem „Buch für freie Geister“, zitiert er das an Sulzer gerichtete, schon von Kant erwähnte Wort vom Menschengeschlecht als der „verfluchten Rasse“.

          In Nietzsches nächster Schrift, „Jenseits von Gut und Böse“, sieht der Autor unter dem Titel „Wir Gelehrten“ im jungen Friedrich eine gegenüber dem französischen Esprit neuartige Skepsis heranwachsen: „die Skepsis der verwegenen Männlichkeit“, die dem „Geiste gefährliche Freiheit“ gibt, denn „die Erlaubnis, sich eines Glaubens entschlagen zu können“, gehört zur Größe. Dann nennt er in einem Atemzug Cäsar, Friedrich II. und Napoleon, so wie er seitens der Literatur und Kunst „Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe“ aufführt. Die neuartige Skepsis wird sogar als ein „ins Geistigste gesteigerter Friedericianismus“ bezeichnet und diesem nichts Geringeres zugesprochen, als „Europa eine gute Zeit unter die Botmäßigkeit des deutschen Geistes und seines kritischen und historischen Mißtrauens gebracht“ zu haben.

          Schließen wir diesen Fürstenspiegel mit der Einschätzung Wilhelm Diltheys. Friedrich als (Privat-)Person ist bislang im Hintergrund geblieben. Dilthey bietet dazu einen Kontrapunkt, denn er legt besonderen Wert auf Friedrichs stoische Persönlichkeit: „Das Gefühl der persönlichen Würde und Autonomie genügen seiner Seele.“ Er vergleicht den König mit Goethe, der ebenfalls „in jedem Augenblick von dem Gefühl seines so bestimmten großen Daseins erfüllt“ war. Und Friedrichs Einzigartigkeit sieht Dilthey in der Verbindung eines „königlichen Willens“ mit dem „Geiste eines räsonierenden Philosophen“ – und mit „einem warmen und beweglichen Herzen“. Schließlich betont er Friedrichs nachdrückliches Interesse an der Erziehung, allerdings nur des Adels, der Beamten und des Militärs, nicht des einfachen Landvolks.

          V.

          Bald nach Dilthey verblasst die Strahlkraft Friedrichs II. auf die Philosophen, und heute ist sie vollends erloschen. Selbst zur Dreihundertjahrfeier bringt die Zunft der Philosophen kein nennenswertes Interesse für den Preußenkönig auf, obwohl sie sich dieses „roi philosophe“ nicht zu schämen brauchte. Zumindest aus Standesinteressen könnte sie ihn achten, denn er setzte sich für einen Philosophieunterricht ein und verlangte, dass er nicht von Geistlichen gehalten werde.

          Nicht zuletzt könnte Friedrich II. Anlass geben, abermals über den Philosophen-Königssatz nachzudenken, zumal wenn man mit Platon einen Philosophen nicht durch sein akademisches Amt, sondern vornehmlich durch Gerechtigkeit definiert. Zugegeben, für den demokratischen Rechtsstaat sind zunächst einmal funktionierende Institutionen unerlässlich. Ohne Personen, die diese Institutionen rechtschaffen ausfüllen, verliert er aber jene zwei Voraussetzungen des Funktionierens, die zugleich zu den kostbarsten Gütern des Gemeinwesens gehören: das Vertrauen der Bürger und deren Achtung. Und weil in Demokratien die Bürger der eigentliche Souverän sind, verlieren sie zusätzlich an Selbstachtung.

          Dämmerung der alten Strahlkraft? Am 24. Januar jährt sich der Geburtstag von Friedrich II. zum 300. Mal
          Dämmerung der alten Strahlkraft? Am 24. Januar jährt sich der Geburtstag von Friedrich II. zum 300. Mal : Bild: dpa

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