https://www.faz.net/-gqz-6wywb

Zum 300. Geburtstag : Friedrich II. im Philosophenspiegel

  • -Aktualisiert am

Noch für den nächsten großen deutschen Philosophen, Friedrich Nietzsche, gehört der Preußenkönig zu den Personen, auf die man sich an passender Stelle beruft. In „Menschliches, Allzumenschliches“, dem „Buch für freie Geister“, zitiert er das an Sulzer gerichtete, schon von Kant erwähnte Wort vom Menschengeschlecht als der „verfluchten Rasse“.

In Nietzsches nächster Schrift, „Jenseits von Gut und Böse“, sieht der Autor unter dem Titel „Wir Gelehrten“ im jungen Friedrich eine gegenüber dem französischen Esprit neuartige Skepsis heranwachsen: „die Skepsis der verwegenen Männlichkeit“, die dem „Geiste gefährliche Freiheit“ gibt, denn „die Erlaubnis, sich eines Glaubens entschlagen zu können“, gehört zur Größe. Dann nennt er in einem Atemzug Cäsar, Friedrich II. und Napoleon, so wie er seitens der Literatur und Kunst „Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe“ aufführt. Die neuartige Skepsis wird sogar als ein „ins Geistigste gesteigerter Friedericianismus“ bezeichnet und diesem nichts Geringeres zugesprochen, als „Europa eine gute Zeit unter die Botmäßigkeit des deutschen Geistes und seines kritischen und historischen Mißtrauens gebracht“ zu haben.

Schließen wir diesen Fürstenspiegel mit der Einschätzung Wilhelm Diltheys. Friedrich als (Privat-)Person ist bislang im Hintergrund geblieben. Dilthey bietet dazu einen Kontrapunkt, denn er legt besonderen Wert auf Friedrichs stoische Persönlichkeit: „Das Gefühl der persönlichen Würde und Autonomie genügen seiner Seele.“ Er vergleicht den König mit Goethe, der ebenfalls „in jedem Augenblick von dem Gefühl seines so bestimmten großen Daseins erfüllt“ war. Und Friedrichs Einzigartigkeit sieht Dilthey in der Verbindung eines „königlichen Willens“ mit dem „Geiste eines räsonierenden Philosophen“ – und mit „einem warmen und beweglichen Herzen“. Schließlich betont er Friedrichs nachdrückliches Interesse an der Erziehung, allerdings nur des Adels, der Beamten und des Militärs, nicht des einfachen Landvolks.

V.

Bald nach Dilthey verblasst die Strahlkraft Friedrichs II. auf die Philosophen, und heute ist sie vollends erloschen. Selbst zur Dreihundertjahrfeier bringt die Zunft der Philosophen kein nennenswertes Interesse für den Preußenkönig auf, obwohl sie sich dieses „roi philosophe“ nicht zu schämen brauchte. Zumindest aus Standesinteressen könnte sie ihn achten, denn er setzte sich für einen Philosophieunterricht ein und verlangte, dass er nicht von Geistlichen gehalten werde.

Nicht zuletzt könnte Friedrich II. Anlass geben, abermals über den Philosophen-Königssatz nachzudenken, zumal wenn man mit Platon einen Philosophen nicht durch sein akademisches Amt, sondern vornehmlich durch Gerechtigkeit definiert. Zugegeben, für den demokratischen Rechtsstaat sind zunächst einmal funktionierende Institutionen unerlässlich. Ohne Personen, die diese Institutionen rechtschaffen ausfüllen, verliert er aber jene zwei Voraussetzungen des Funktionierens, die zugleich zu den kostbarsten Gütern des Gemeinwesens gehören: das Vertrauen der Bürger und deren Achtung. Und weil in Demokratien die Bürger der eigentliche Souverän sind, verlieren sie zusätzlich an Selbstachtung.

Dämmerung der alten Strahlkraft? Am 24. Januar jährt sich der Geburtstag von Friedrich II. zum 300. Mal
Dämmerung der alten Strahlkraft? Am 24. Januar jährt sich der Geburtstag von Friedrich II. zum 300. Mal : Bild: dpa

Weitere Themen

2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

Frische Luft für alle

Pariser Kommune : Frische Luft für alle

Von der Pariser Kommune bis zum Modernisierungsschub der fünfziger Jahre: Wie die Literaturwissenschaftlerin Kristin Ross die Voraussetzungen der Demokratie freilegt.

Topmeldungen

DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.