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Zum 300. Geburtstag : Friedrich II. im Philosophenspiegel

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Das letzte Kapitel der genannten Vorlesungen nimmt eine umfassende und zugleich uneingeschränkte Würdigung des Preußenkönigs vor. Kant hatte das Zeitalter der Aufklärung das „Jahrhundert Friedrichs“ genannt, doch Hegel überbietet diese Wertschätzung, denn er behauptet, mit dem Regenten Friedrich II. sei eine „neue Epoche in die Wirklichkeit getreten“. In ihr habe „das wirkliche Staatsinteresse seine Allgemeinheit und seine höchste Berechtigung erhalten“. Hegel geht mit seinem Lob aber zu weit, wenn er behauptet, Friedrich habe „den allgemeinen Zweck des Staats denkend gefasst“. Ein so überragender politischer Philosoph, der in die Galerie der Klassiker des politischen Denkens aufzunehmen sei, war der Preußenkönig denn doch nicht. Wohl kann man Hegel aber darin zustimmen, dass Friedrichs II. „unsterbliches Werk ein einheimisches Gesetzbuch ist“, auch wenn dieses, das Preußische Landrecht, erst unter dem Nachfolger in Kraft getreten ist.

Hegel nimmt Friedrich sogar in die Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie auf. Zunächst erläutert er die beiden Gestalten, in denen man als philosophischer König auftreten kann, und ordnet dann beide dem Preußenkönig zu: Wie bei Mark Aurel sei Friedrich die Philosophie, als er Wolffs Metaphysik und französische Philosophie las, eine Privatsache gewesen. Philosophie als Privatsache verbessere aber nicht das eigene Gemeinwesen. Durch Mark Aurel sei das Römische Reich nicht besser geworden, während Friedrich ein wahrhaft philosophischer König gewesen sei, der das Wohl des Staates zum Prinzip seines politischen Handelns gemacht habe. Friedrich sei zwar kein Reformator oder gar Revolutionär gewesen, doch „er führte ein, was Bedürfnis war, religiöse Toleranz, Gesetzgebung, Verbesserung der Gerechtigkeitspflege, Sparsamkeit mit der Staatskasse“.

IV.

Einen nach Ansicht von Philosophen so überragenden König vergisst man nicht bald. Friedrich II. wird auch von der nächsten und übernächsten Philosophengeneration noch gelobt. Schopenhauer bescheinigt dem König Großzügigkeit und Toleranz. Denn Kant habe nur deshalb „zugleich von und für die Philosophie“ leben und die „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlichen können, weil „ein Philosoph auf dem Throne saß“. Und der Kant-Bewunderer Schopenhauer fährt fort: „Schwerlich würde unter irgend einer anderen Regierung ein besoldeter Professor so etwas gewagt haben“.

Laut Schopenhauers Preisschrift über die Grundlage der Moral hat der Staat zum einzigen Zweck, „die Einzelnen vor einander und das Ganze vor äußeren Feinden zu schützen“. Keineswegs dürfe er zu einer „Moralitäts-Erziehungs- und Erbauungs-Anstalt“ werden. Für diesen politischen Liberalismus gilt Schopenhauer Friedrich II. als Vorbild, ebenso dafür, dass der König aufgrund seiner Hochschätzung geistiger Aristokratie Voltaire nicht irgendwo, sondern im Widerspruch zur damals üblichen Etikette an der Tafel der regierenden Herren und Prinzen plazierte.

Auch Marx und Engels halten Friedrich II. weiter präsent. Im „Anti-Dühring“ wird er für etwas gelobt, auf das die anderen Philosophen kein Augenmerk richten: für den König als Feldherren, der für die Infanterie die sogenannte Lineartaktik zur höchsten Vollendung brachte. Auch wird, allerdings ohne den Namen des Autors zu nennen, das vielzitierte Friedrich-Wort erwähnt, dass jeder nach seiner Façon selig werden könne. Der erste Band des „Kapitals“ billigt dem König sogar Ansätze zur Bauernbefreiung zu. Marx führt sie allerdings auf wenig edle Motive zurück: „Er brauchte Soldaten für seine Armee und Steuerpflichtige für seinen Staatsschatz.“

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