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Zum 300. Geburtstag : Friedrich II. im Philosophenspiegel

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Reduktion zur Niedlichkeit: KPM stellt kleine Friedrich-Porzellanfiguren her
Reduktion zur Niedlichkeit: KPM stellt kleine Friedrich-Porzellanfiguren her : Bild: Klaus-Dietmar Gabbert

Ein anderer großer Aufklärer, Denis Diderot, zunächst Mitherausgeber, später Alleinherausgeber der monumentalen „Encyclopédie“, singt Friedrich II. ein fast überschwängliches Lob. Im Enzyklopädie-Artikel „Preußen“ nennt er ihn 1746 einen der größten Monarchen. Durch sein Gesetzbuch (gemeint ist das erst später in Kraft getretene Preußische Landrecht), durch die Erneuerung der Berliner Akademie und den Schutz der Künste und Wissenschaften habe Friedrich sich unsterblich gemacht. Damit biete er der Welt das seltene Schauspiel eines Königs, eines Gesetzgebers und eines Philosophen auf dem Thron.

Nicht ganz so überschwänglich, vielmehr in philosophischer, preußischer Nüchternheit fällt die Wertschätzung bei einem der berühmtesten Untertanen Friedrichs, bei Immanuel Kant, aus. In dessen Essay „Was ist Aufklärung?“ (1784) erhält der König einen prominenten Platz. Und die darin zutage tretende Einschätzung ist nicht etwa einmaliger Natur. Vierzehn Jahre zuvor widmete Kant dem König seine Dissertation „De mundi sensibilis atque intelligibilis“ zum Antritt der Professur (Über die Sinnes- und Verstandeswelt, 1770).

Schon in seiner kurz vor dem Aufklärungsessay erschienenen geschichtsphilosophischen Hauptschrift „Idee zu einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ von 1784 nennt Kant die Aufklärung ein großes Gut und erwartet, dass sie sich, womit Friedrich angesprochen ist, auf die Regierungsgrundsätze der Herrscher ausdehne. Der Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ geht noch einen Schritt weiter. Denn er verlangt selbst vom einfachen Bürger, den für die Aufklärung erforderlichen Mut aufzubringen und sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Damit diese Aufgabe erleichtert werde, setzt sich Kant für ein Grundelement des politischen Liberalismus ein, für die Freiheit, „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“. Und in diesem Zusammenhang zitiert er Friedrichs bekannte Devise: „Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt, aber gehorcht!“ Kant redet damit nicht einem Rest an Autoritätsgläubigkeit das Wort. Vielmehr betont er, dass es für legitime Interessen eines Gemeinwesens Ämter braucht und weder Amtsinhaber noch Bürger ihre entsprechenden Pflichten im Namen der Meinungsfreiheit verletzen dürfen.

Für Kant ist Friedrich aufgeklärt, weil er in Religionsdingen den Menschen volle Freiheit lässt und ihn damit „als erster“ wenigstens von Seiten der Regierung aus der Unmündigkeit herausführe. Diese Leistung ist für Kant der Grund, mit einer Verbeugung vor dem Aufklärer auf dem Königsthron seine Epoche nicht nur das „Zeitalter der Aufklärung“, sondern auch das „Jahrhundert Friedrichs“ zu nennen. Dieses Jahrhundert währt allerdings nur kurz. Zwei Jahre später stirbt Friedrich und erhält als Nachfolger auf dem preußischen Thron einen König, Friedrich Wilhelm II., der der aufgeklärten Toleranz seines Vorgängers durch ein Religionsedikt seines Kulturministers Johann Christoph von Wöllner ein Ende setzt und Kant mit einem Zensurkonflikt belastet.

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