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Zum 300. Geburtstag : Friedrich II. im Philosophenspiegel

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Bei einem erweiterten Verständnis von politischer Herrschaft ist auch der ein Philosophenkönig. Denn Voltaire, nach Goethe das „Wunder seiner Zeit“, ist nicht nur bis heute der Prototyp des kritischen Intellektuellen, der dank Rhetorik, Witz und beißenden Spotts für die neuen Themen eine politische Öffentlichkeit schafft – also für Vernunft, Toleranz und Freiheit sowie für die Kritik angemaßter Autorität seitens des Königs, der Bürokratie und noch mehr der Kirche. Voltaire erwirbt sich auch eine derartig überragende Autorität, dass er zum Herrscher über die Debatten der Epoche und genau damit zu einer europäischen Großmacht wird.

Das Gegenbild zu einer Politik im Namen der Aufklärung kennen wir aus dem berühmtesten wie berüchtigtsten Fürstenspiegel des Abendlandes, aus Machiavellis „Il Principe“. Dazu verfasst der junge Kronprinz Friedrich einen „Anti-Machiavel“. Mit Mark Aurel als stillschweigendem Vorbild fordert er hier den Fürsten zu einem tugendhaften Leben auf, geleitet von Vernunft und Gerechtigkeit, so dass sich die Untertanen ein Vorbild nehmen können. Zwei weitere Ansichten verdienen hervorgehoben zu werden: einerseits Friedrichs Angriff auf die traditionelle Religion und die geistlichen Fürstentümer, andererseits seine Warnung vor den Gefahren der Republiken, die in etwa Demokratien entsprechen. Gegen sie spreche, dass sie wegen ihres Übermaßes an Freiheit „fast alle in die Knechtschaft“ zurückgefallen seien.

Bei einem derartigen Text überrascht es nicht, dass Friedrich II. zu den wenigen Fürsten seiner Zeit gehört, eigentlich die einzige Ausnahmeerscheinung war, von der sich die Aufklärer eine Regierung im Sinne der Aufklärung, also ihrer Prinzipien von Vernunft, Toleranz und Freiheit, erwarteten. Menschheitsgeschichtlich gesehen könnte Friedrich sogar den ersten Beleg für die Realisierbarkeit von Platons Philosophenkönigssatz bieten. Die erwähnten zwei Akzente zeigen allerdings auch, dass schon der Kronprinz kein der Macht abholder Schöngeist war, sondern ein klares Gespür für politische Macht besaß: Die Instanz, die ein künftiger König, ohne seine Herrschaft zu gefährden, zurechtstutzen kann, die übermächtige Kirche (im Plural), wird vorbehaltlos kritisiert. Aber dort, wo er seine künftige Herrschaft einschränken, strenggenommen sogar aufgeben müsste, bei der Ablösung der Monarchie durch eine Republik, findet er lieber Gegenargumente.

Zugespitzt versteht Friedrich das Aufklärungsmotto der Kritik nur als Religions-, nicht als Staatskritik. Allerdings reiht er sich auch dadurch in die Reihe großer Aufklärer ein, dass er sich, wie vor ihm Leibniz, Hume und Voltaire, mit dem Werk „Histoire de mon temps“ (Geschichte meiner Zeit, 1775) als ein beachtenswerter Historiker erweist.

II.

Wie aber nehmen die Aufklärer den regierenden Friedrich wahr? Der Fürst der europäischen Aufklärung, Voltaire, ist in seinem Denken durch Francis Bacon, John Locke und Newtonsche Physik geprägt; politisch bewundert er den englischen Liberalismus. Mit Friedrich II. verbindet ihn zwar gegenseitige Wertschätzung, auch setzt er in ihn, zunächst als Kronprinzen, später als König, große politische Hoffnungen. Dass er sich von Friedrich philosophisch-politisch beeinflussen ließe, ist jedoch kaum zu belegen. Und seine Hoffnungen werden durch Friedrichs Einfall in Schlesien erschüttert. Der irritierte Voltaire spricht in vornehmer Zurückhaltung von der Metamorphose eines Apolls zum Mars, also eines Pazifisten zum Krieger. Allenfalls nachsichtig akzeptiert er ein die hehren politischen Grundsätze beeinträchtigendes „Gewicht der politischen Realitäten“, also ein gewisses Maß an politischem Realismus. Dem entspricht in etwa auf Friedrichs Seite der Ausspruch, er sei Philosoph aus Neigung, Politiker aus Pflicht.

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