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Zum 100. Geburtstag von Robert Jungk : Das Feuer des Prometheus

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Die Naturkatastrophe mochte unzählige Opfer gefordert haben, doch es waren die nuklearen Unfälle, die das Selbstwertgefühl der japanischen Gesellschaft noch nachhaltiger erschütterten. Die Lügen der Verantwortlichen, die Hilflosigkeit der Regierung, die Unfähigkeit der Behörden, auf die Situation zu reagieren. Waren es 100.000 oder gar 150.000, die danach evakuiert werden mussten? Erst am 15.Dezember 2011 erklärte der damalige japanische Premierminister, die Nuklearanlage sei heruntergefahren worden, doch nicht wenige merkten an, die Verhältnisse im Reaktorkern seien weiterhin unklar. Die Entsorgungsarbeiten werden dreißig bis vierzig Jahre dauern. Ein ganzer Landstrich ist für lange Zeit verseucht und verloren. Dieser Teil der japanischen Insel ist Sperrgebiet. An einen baldigen Wiederaufbau ist nicht zu denken.

Furcht vor dem Ausmaß der Katastrophe

Ich war sechzehn, als ich meinen ersten Essay, einen vielseitigen Aufsatz, schrieb. Ich glaube, der Titel war „Das Feuer des Prometheus“. Es war sicher ein recht schwülstiges und ungeschicktes Stück mit manchen Stilblüten und vielen Schlampereien. Ich wandte mich darin gegen die Kernkraft. Ich stand unter dem Eindruck von Jungks Buch „Atomstaat - Vom Fortschritt der Unmenschlichkeit“. Ein Funktionär der Roten Falken las meinen Text. Er wollte ihn in einer sozialistischen Jugendzeitschrift veröffentlichen. Kurz später verkündete der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, über die Anlage in Zwentendorf abstimmen zu lassen. Mein langer Artikel zum Thema wurde nie publiziert. Er ging - ich will dem linken Jugenderzieher keinerlei böse Absicht unterstellen - verloren. Da ich ein Neuling war, hatte ich keine Kopie meines Manuskripts angefertigt.

Viele demonstrierten damals gegen die Atomkraft. Eine knappe Mehrheit stimmte gegen Zwentendorf. Aber ich muss gestehen, von den Schreckensszenarien, die wir gegen die Befürworter vorbrachten, persönlich gar nicht so sehr überzeugt gewesen zu sein. Meine Ablehnung der Atomkraft gründete auf dem Gedanken, es dürfe nicht auf eine Energieform gesetzt werden, deren Risiken derart groß seien. Ich war überzeugt, jede noch so kleine Wahrscheinlichkeit eines regelrecht monströsen Unheils müsse unbedingt vermieden werden. Wer kann schon wissen, welche Umwälzungen und welche Zivilisationsbrüche die nächsten Jahrhunderte bringen? Wie sollte dann noch der Schutz der Endlagerung gewährleistet sein? Vor allem beunruhigte mich die Vorstellung von einer Gesellschaft, die von den Sicherheitsvorkehrungen zur Abwendung aller Gefahren beherrscht sein würde.

Mittlerweile ist die Kernschmelze kein bloßes Hirngespinst mehr. Der GAU ist zur statistischen Größe geworden. Nun ist eher zu erwarten, dass in den nächsten Jahrzehnten weitere Unfälle stattfinden werden. Immer noch werden AKWs geplant und gebaut. Ob die neuen Standorte in Ghana, Rumänien oder auch Pakistan so viel besser gewartet sein werden als die Blöcke im japanischen Fukushima? Gleichzeitig geht die Furcht vor einem Terrorismus um, der auch vor Massenmorden nicht zurückschreckt. Mir ist, als habe Robert Jungk vor all dem gewarnt, was sich nun abzeichnet, und während er damals bereits klarsichtig war, stellen sich allzu viele heute noch blind.

Verschollen ist der sicher unbedeutende und unreife Aufsatz, den ich als Sechzehnjähriger schrieb, und nie wieder sollte ich einen Essay gegen die Atomkraft verfassen, aber notwendiger denn je ist es, sich der Worte von Robert Jungk zu entsinnen, seine Schriften neu zu lesen, um mit ihm gegen die Auslöschung anzudenken und eine Zukunft des Überlebens einzufordern.

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