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Zum 100. Geburtstag von Robert Jungk : Das Feuer des Prometheus

  • -Aktualisiert am
Man las und hörte Robert Jungk: hier als Redner bei der Blockade des amerikanischen Militärdepots Mutlangen 1983

In jenen Jahren des Kalten Krieges ging ich auf Demonstrationen, auf denen Hunderttausende meiner Generation gegen den Wettlauf der Vernichtung protestierten. Im Propagandakampf zwischen Ost und West stieß unsere Empörung auf Widerhall. Wir warnten vor dem Overkill, vor der Möglichkeit, mit atomaren Waffen die Erde zigfach zu zerstören. Wir sprachen davon, wie durch einen kleinen menschlichen Irrtum oder durch einen technischen Fehler, vielleicht gar durch einen Fliegenschiss an einer elektronischen Kontaktstelle alles Leben ausgelöscht werden könnte. Wir tanzten zu Songs wie „Neunundneunzig Luftballons“. Wir sangen mit John Lennon: „All we are saying, is give peace a chance.“ Wir lasen Robert Jungk.

Nichts, was er damals schrieb und sagte, hat seither an Aktualität verloren. Im Gegenteil; in der bipolaren Welt mag die wechselseitige Bedrohung ein Patt, einen Stillstand und eine Friedensära begründet haben, selbst die Phase unumschränkter Dominanz der einzig verbliebenen Supermacht garantierte noch Stabilität, aber je unübersichtlicher die Machtverhältnisse in unserem Zeitalter werden, das wir mit dem Wort Globalisierung bezeichnen, um so unsicherer ist es, auf eine gegenseitige Abschreckung zu bauen. Was, wenn Massenvernichtungswaffen zum Statussymbol regionaler Tyrannen, rücksichtsloser Warlords und todessüchtiger Terroristen werden? Wie berechenbar sind noch jene kleinen Diktatoren, deren Herrschaft darauf beruht, undurchschaubar und ungeheuerlich zu sein? Die Zukunft, vor der Robert Jungk warnte, ist unsere Gegenwart.

Wer an diesem letzten Satz zweifelt, sollte Jungks frühe Texte über die Kernenergie lesen. Was er damals schrieb, wurde von Wissenschaftlern, von Verantwortlichen aus Industrie und Politik als Panikmache abgetan. Sie beteuerten, wie sicher die Kraftwerke doch seien, wie unwahrscheinlich, ja, undenkbar ein Unfall sei. Sie priesen die Perfektion der Technik und geißelten jede Skepsis als bloßen Aberglauben, Fortschrittsfeindlichkeit und Maschinenstürmerei. Die Öllobby stecke hinter der Schwarzmalerei. Wirtschaft, Wachstum und Wohlstand seien ohne die neue Technologie dahin.

Verseuchte Erde

Eine meiner ersten Lesungen in Japan brachte mich nach Sendai. Am Morgen nach der Veranstaltung wurde ich in das nahe gelegene Gebiet gefahren, das im März 2011 erst von einem Erdbeben erschüttert und in der Folge von einem Tsunami heimgesucht worden war. Ich geriet in ein Trümmerfeld, das einst der liebliche Fischerhafen Yuriage gewesen war. Der Ort war zur Totenstadt geworden. Die Flutwellen und der Schlamm hatten die Wände niedergewalzt und ganze Häuser fortgerissen. Ich ging zwischen den bloßen Grundmauern einher, wo einst Menschen gewohnt hatten. Hier und da Blumengestecke - vielleicht von Hinterbliebenen. Das Gerippe einer Schule. Kinder und Lehrer hatten das Beben im ebenerdigen Turnsaal überlebt, ebendort, wo sie kurz nachher den einstürzenden Wassermassen rettungslos ausgeliefert waren.

Im Schulhof ein Sammelplatz für Boote und für Jachten, daneben ein Haufen von Motorrädern, überall verbogene Gestänge. Selbst riesige Stahlleitungsrohre für die Bewässerung der Felder sind von der Meeresmacht zerkrümmt worden. 20.000 Menschen sollen an jenem Tag umgekommen sein. Die Wucht der Katastrophe überstieg alle Erwartungen. Nicht wenige der Bewohner hatten sich hinter einem alten Kanal zurückgezogen, denn es hieß, kein Tsunami habe je diese Schwelle überschritten. Diesmal schwappte die Brandung jedoch meterhoch darüber hinweg und tötete alle, die hier versammelt waren.

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