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Zum 100. Geburtstag von Claude Lévi-Strauss : Ein Zivilist in der Fremde

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Der große Anthropologe Claude Lévi-Strauss wird 100 Jahre alt Bild: AFP

Er kämpfte für die fremde und die eigene Kultur im Bewusstsein ihrer unaufhebbaren Verschiedenheit: Heute wird Claude Lévi-Strauss, der große Ethnologe und Begründer der strukturalen Anthropologie, hundert Jahre alt.

          Als Sigmund Freud 1909 den Atlantik überquerte, in einer höchst unbehaglichen Verfassung, was die Zukunft seiner Psychoanalyse betraf, sah er von seinem Liegestuhl auf dem Oberdeck, wie der Decksteward in der „Psychopathologie des Alltagslebens“ las. Da wusste er, dass die Zukunft seiner Wissenschaft gesichert war. Mehr als ein halbes Jahrhundert später fragte der Kellner eines kalifornischen Restaurants, als er den Namen „Lévi-Strauss“ in seine Warteliste eintrug: „The pants or the books?“

          Die Hosen oder die Bücher? Auch das war Ruhm - als Verfasser von Büchern wie „Traurige Tropen“, „Das wilde Denken“, „Das Rohe und das Gekochte“ in einem Atemzug mit den allgegenwärtigen Jeans genannt zu werden. Es war eine späte Genugtuung. Denn im Jahre 1941, als Claude Lévi-Strauss während der Zeit seines amerikanischen Exils an der New Yorker New School lehrte, war sein Name im Vorlesungsverzeichnis als „Claude L. Strauss“ verzeichnet worden, um dem Gekicher der Studenten über die Namensgleichheit mit den Jeans vorzubeugen.

          Das Sensible und das Rationale

          Dazwischen lagen vierzig Jahre der erstaunlichen Laufbahn des Ethnologen, dessen Werk mit der Erfindung einer neuen Methode der anthropologischen Forschung, dem „Strukturalismus“, gleichgesetzt wurde. Die entscheidenden Werke dieses Strukturalismus waren im Laufe der sechziger Jahre erschienen, ihr Verfasser gab geduldig und umfassend Auskunft über das, worum es in seiner „Strukturalen Anthropologie“ oder in seinen „Mythologiques“, dem Kompendium der Mythen und Erzählungen der Indianer beider Amerika, ging.

          Zumal der Titel „La pensée sauvage“ gab zu Rätselraten Anlass, bezeichnet er doch im Französischen sowohl das Stiefmütterchen (das auf dem Umschlag abgebildet war) als auch eine so rätselhafte Größe wie das „wilde Denken“, das zu Spekulationen über eine Verschmelzung des Sensiblen und Rationalen im Denken der sogenannten Primitiven Anlass gab. Deren Befreiung aus der herkömmlichen Stellung auf der Ebene einer allenfalls tastenden und ihrer selbst unsicheren Rationalität war eine der populären Aufgaben, denen sich der plötzlich in den Mittelpunkt des publizistischen Interesses gerückte Anthropologe mit ebenso großer Diskretion wie rhetorischer Intensität widmete.

          Enttäuschte intellektuelle Sehnsüchte

          Es konnte so aussehen, als kündigte sich hier eine Befreiung an, vergleichbar jener der Irrenhausinsassen, die auf der Tagesordnung der sechziger Jahre stand. In der Buchhandlung Maspéro lag jedes neue Buch von Lévi-Strauss neben denen von Roland Barthes, Jacques Lacan, Michel Foucault und der anderen Modeautoren jener Jahre. Dass es sich nur um ein Missverständnis handeln konnte, war zu ahnen, wenn man in den Büchern von Lévi-Strauss blätterte, in denen kein Name der Kultfiguren jener Jahre auftauchte. Das Renommee des Strukturalismus verdankte sich vielmehr einer spekulativen Erwartung, dass es möglich sein sollte, die Modephilosophien der Zeit, den Marxismus und die Psychoanalyse, zu einer Synthese zu bringen, die nur strukturalistisch sein konnte - eine intellektuelle Sehnsucht, die mit dem Mai 1968 endgültig enttäuscht wurde.

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