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Zukunftsforscher Nate Silver : Kopf oder Zahl

Wohin gehen all diese Menschen? Auch Nate Silver weiß es nicht. Bild: dapd

Sind wir Herr über unsere Entscheidungen? Oder längst Opfer allmächtiger Algorithmen? Ausgerechnet Nate Silver, Zukunftsforscher der Stunde, hält die Berechenbarkeit menschlichen Handelns für eine Illusion.

          5 Min.

          Alle fünf Jahre nehmen die Bürger der Vereinigten Staaten an einem landesweiten philosophischen Experiment teil. Etwa sechzig Prozent der erwachsenen Staatsbürger versuchen durch ihre persönliche Stimmabgabe herauszufinden, ob ihre freie Entscheidung notwendig ist, um zu ermitteln, wer in den kommenden Jahren der Präsident ihres Landes sein soll. In den vergangenen beiden Präsidentschaftswahlen hat sich das altmodische Ritual als relativ überflüssig erwiesen: Man hätte auch einfach Nate Silver fragen können.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Weil er in seinem „New York Times“-Blog „Five Thirty Eight“ die Wahlergebnisse in 50 von 50 Bundesstaaten richtig prognostizierte, gilt der vierunddreißigjährige Statistiker als heimlicher Gewinner der Wahl. Seitdem wird Silver, der schon 2008 die Ergebnisse in 49 von 50 Staaten richtig vorhergesehen hatte, nicht nur persönlich mit unvermeidlichen Ehrentiteln (“König der Quants“, „Amerikas Präsident der Daten“, „Gott der Algorithmen“) gefeiert; sein Erfolg gilt auch als Triumph der Mathematik gegen die pundits, jene meinungsstarken Fernsehexperten, die ihre Prophezeiungen vor der Wahl aus einer Mischung aus Eitelkeit und Ideologie zusammenbrauten.

          Opfer der eigenen Berechenbarkeit?

          Und all jenen konservativen Stimmungsmachern, die womöglich selbst daran geglaubt hatten, dass Silvers Zahlen nur sein demokratisches Wunschdenken zum Ausdruck bringen, bleibt jetzt nur, sich über dessen simple Methodik zu wundern. Denn im Prinzip hat Silver nichts anderes getan, als die Durchschnittswerte der wichtigsten Umfragen zu errechnen. Im Gegensatz zu jenen Kommentatoren aber, welche, als hätten sie noch nie vom Prinzip der Mehrheitswahl gehört, die Ausgeglichenheit in nationalen Umfragen als Indikator eines Kopf-an-Kopf-Rennens interpretierten, zog er die richtigen Schlüsse aus den Zahlen. Womöglich besteht darin tatsächlich die größte Frechheit Silvers: dass seinen Berechnungen keine geheime Formel zugrunde lag.

          Jenseits aller Genugtuung aber, über diesen Sieg der Nüchternheit gegen das Geschrei, den Sieg auch der Analyse gegen die Meinung, jenseits dieses unerwarteten Schimmers der Vernunft in den oft so krawallorientierten amerikanischen Medien, scheint Silvers Präzision eine derzeit verbreitete Sorge zu bestätigen: die Angst um den Kontrollverlust der Individuen angesichts immer raffinierterer Datenprofile. Die Vorstellung, dass die Autonomie menschlicher Entscheidungen durch immer perfektere Algorithmen aufgehoben wird, ist heute als Utopie genauso verbreitet wie ihr Gegenteil. Wenn Bürger in der Wahlkabine nicht mehr als freie Menschen entscheiden, sondern nur noch das Opfer ihrer eigenen, berechenbaren Prädispositionen (wie Wohnort, Alter, Familienstand, Einkommen, Hautfarbe, Bildung, Musikgeschmack, Leseliste) sind, dann ist das erst der Anfang ihrer umfassenden Entmündigung.

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