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Gina Thomas (G.T.)

Cricketschläger : Klanghölzer

  • -Aktualisiert am

Ben Tinkler-Davies ist der Co-Autor der Studie, die Bambus als Ersatz für Weidenholz bei der Fertigung von Cricket-Schlägern empfiehlt. Sein Schläger hier ist schon aus Bambus. Bild: AFP

Seit bald hundertsechzig Jahren klagt man in England über den Verfall von Cricket, das einmal als die feinste und fairste Art des englischen Sports galt. Nun versetzen auch noch Materialfragen der englischen Seele einen empfindlichen Schlag.

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          In Alfred Hitchcocks oscarprämierter Verfilmung von Daphne du Mauriers Roman „Rebecca“ aus dem Jahr 1941 empfiehlt Laurence Olivier in der Rolle des rätselhaften Maxim de Winter seiner Frau, sich die Times anzuschauen: Darin sei ein spannender Artikel über den Zustand des englischen Cricket zu lesen. Dieser Sport wird oft als Sinnbild des britischen Selbstverständnisses von Fair Play und galantem Benehmen betrachtet. Kritiker sehen ihn mitunter aber auch als Symbol für die verschrobenen Werte der britischen Oberschicht, die das Spiel lange Zeit beherrschte. Und bei internationalen Turnieren wird das schlechte Abschneiden der englischen Mannschaft gern als Spiegelbild der nationalen Malaisen gedeutet.

          Die immer wieder erhobene, auch in der Empfehlung von de Winter mitschwingende Klage, dass der Sport nicht mehr das sei, was er einmal war, reicht noch viel weiter zurück: Der Schriftsteller Anthony Trollope monierte schon in den Sechzigerjahren des vorvorigen Jahrhunderts, Cricket sei derart kommerzialisiert worden, dass Amateurspieler daran zweifelten, ob sie weiter mitmachen könnten. Dreißig Jahre später bedauerte einer der führenden englischen Spieler jener Zeit die Veränderungen in seinem Sport: Es sei jetzt viel mehr Ego vorhanden als zuvor, „die Männer spielen nicht mehr so sehr für ihre Seite wie in meinen jüngeren Tagen“, und insgesamt sei das geschäftliche Element viel zu stark geworden.

          Darüber erregen sich Traditionalisten heute wieder. Mit wachsendem Unmut beobachten sie, wie ihr heiliges gemächliches Spiel des Geldes wegen ständig modifiziert wird. Auf der Suche nach einem breiteren Publikum denken sich die das Cricket kontrollierenden Instanzen immer neue Formate aus, um das Spiel der rasanten Beschleunigung des Lebenstempos und dem Bedürfnis nach schneller Unterhaltung anzupassen. Auf die Einführung von Ein-Tages-Spielen folgte vor achtzehn Jahren „Twenty20“, ein auf rund drei Stunden gestrafftes grelleres Format, das sich vor allem auf dem indischen Subkontinent großer Beliebtheit und Erträge erfreut. Zum Entsetzen der Traditionalisten, die den fast vergangenen Zeiten des sich langsam entfaltenden Dramas viertägiger Grafschaftsturniere nachtrauern, startet in diesem Sommer nun die noch kürzere Variante „The Hundred“. Damit hoffen die Neuerer, ein Publikum anzuziehen, das genauso in den Sport vernarrt ist wie Charters und Caldicott, die zwei karikaturhaften Reisenden aus Hitchcocks Film „Eine Dame verschwindet“, die auf Biegen und Brechen rechtzeitig vom Festland nach England zurückkehren wollen, um die letzten Tage eines wichtigen Cricketturniers zu erleben.

          Und nun kommt auch noch die Nachricht, dass Forscher der Universität Cambridge einen Bambus-Cricketschläger entwickelt haben, der nicht nur stärker, nachhaltiger und billiger sei als der herkömmliche Schläger aus Weidenholz, sondern von dem der Ball auch schneller abzuprallen vermöge. Die Erfinder versichern, dass sich der vielbesungene dumpfe Klang des Lederballs auf Weidenholz bei Bambus nicht viel anders anhöre. Die Times kommentiert dies mit dem Spruch: „Das ist einfach kein Cricket mehr.“ Im englischen Sprachgebrauch meint diese Redensart: Dies ist nicht die feine Art.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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