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Zukunft der Zeitung : Das Geheimnis der Echokammer

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Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Öffentlichkeit? Gegenwärtige Zeitungsauswahl an einem Frankfurter Kiosk Bild: Helmut Fricke

Schöne neue Netzwelt? Bei den Römerberggesprächen diskutierten Journalisten und Wissenschaftler die Zukunft des traditionellen Journalismus.

          Print stirbt - na und?“ Unter dieser forciert flapsig formulierten Leitfrage diskutierten im Chagall-Saal des Frankfurter Schauspielhauses mehrere Journalisten, ein Kommunikationswissenschaftler, ein Historiker sowie ein Medienrechtler über die Zeitungskrise. Deutschland ist mit seinen 351 Tageszeitungen noch immer der größte Zeitschriftenmarkt Europas. Doch die „Financial Times Deutschland“ gibt es nicht mehr, die „Frankfurter Rundschau“ stand zwischenzeitlich vor dem Aus. Und die Anzeigen wandern ins Internet ab. Zudem ist es nicht leicht, einen Weg zu finden, im Netz genug Geld zu verdienen, um langfristig auch dort einen Qualitätsjournalismus zu gewährleisten, der gut recherchiert ist, Debattenanstöße gibt und eine Vermittlerfunktion ausfüllt.

          Der in Dresden lehrende Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach fragte, welche „soziale Leistung“ eventuell verlorengehe, wenn wir unsere Informationen mehr und mehr aus sozialen Netzwerken und Blogs beziehen. Donsbach benannte die Hoffnungen, die sich an diesen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ knüpfen: dass die Menschen politisch aktiver werden, sich zur Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen motiviert fühlen und dass sich die Nachrichten demokratisieren. Auf der anderen Seite steht die Angst davor, dass die Leser die Orientierung verlieren in der unendlichen Vielzahl von Meinungen und von im schlimmsten Fall schlecht recherchierten „Fakten“, die viele Leute, welche sich mitunter gar nicht als Journalisten, womöglich noch nicht einmal als „Bürgerjournalisten“ verstehen, im Internet twittern, posten, bloggen. Häufig fällt in Frankfurt der Begriff der „Echokammer“. Dahinter steckt die Vorstellung, dass, wer keine traditionellen Tageszeitungen oder Magazine mehr liest, sondern sich seine Informationen im Internet über soziale Netzwerke zusammensucht, irgendwann nur noch das erfährt, was seine ohnehin schon bestehende Meinung bestätigt.

          Hintergründe statt Nachrichten?

          Ulf Fichtner, langjähriger New-York- und Paris-Korrespondent des „Spiegel“, meint, das altbewährte, „liebevoll geschnürte Abonnement-Paket“ fliege den Journalisten gerade um die Ohren. Der traditionelle Journalismus sei „tot, nicht zu reanimieren“. Die Medienwelt wandle sich zu einer digitalen Welt „À la carte“, in der nur noch die prominentesten Inhalte zu den Lesern durchdrängen. So werde aber zugleich journalistisches Mittelmaß ausgesiebt - die desolate Situation der traditionellen französischen Zeitungen beispielsweise habe innovative Alternativen hervorgebracht wie das Debattenportal „Rue 89“. Die Zukunft des Journalismus sieht Ulf Fichtner in der Reportage.

          Dann folgt ein bekanntes Argument. Dass man in Zukunft in Wochenzeitungen oder edel aufgemachten Magazinen sonntagnachmittags längere Texte lesen wird, in denen sich das, was man unter der Woche „ertwittert“ oder auf Nachrichtenseiten erfahren hat, zu einer in sich stimmigen Erzählung verbindet. Moritz Müller-Wirth, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“, war eingeladen, auch um diesen Trend zu verbürgen: Die Wochenzeitung gehört zu den Print-Produkten, die von der Krise nicht betroffen sind - was in Frankfurt als Hinweis darauf verstanden wurde, dass die Leser ausführliche und gut recherchierte Hintergrundartikel den tagtäglich produzierten Nachrichten vorziehen würden.

          Moritz Müller-Wirth war dann allerdings der einzige, der den Titel der Veranstaltung kritisch hinterfragte. Davon, dass gedruckte Zeitungen in Deutschland „sterben“, könne nicht die Rede sein. In dieser diagnostischen Zurückhaltung zeigte sich, was die Stärke einer solchen Selbstverständigungs-Tagung sein kann: das reflektierende Innehalten. Besonders charmant führte das der österreichische Historiker Valentin Groebner vor. Bereits Luther habe im Buchdruck die „letzte Flamme vor dem Ende der Welt“ gesehen. In der Vorstellung, es werde in Zukunft keine traditionellen Medien, sondern nur noch ein „gutgelauntes, selbstorganisiertes Paradies“ der Blogger, Twitterer und Bürgerjournalisten geben, sieht er den Topos der „Herrschaft der vielen“, der seit dem Mittelalter mal als Angst, mal als Heilsversprechen auftrete.

          Journalismus habe, so Groebner, stets die Funktion eines Filters gehabt, die Funktion, durchaus subjektiv, nach Relevantem und weniger Relevantem zu unterscheiden. Eine absolut hierarchiefreie Kommunikation werde immer Utopie bleiben. Nur dann ist die Frage nicht mehr, ob es in zwanzig, dreißig Jahren gedruckte Zeitungen geben wird. Dann wird die Frage zu diskutieren sein, ob und wie es gelingen kann, die traditionellen Medien in den Informationsfluss des Internets gleichsam als Verständigungsinseln einzufügen - als verlässliche Institutionen, die sich beständig reflektieren und modernisieren.

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