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Zukunft der Protestbewegung : Mehr Occupy wagen

Die Plakate erinnern an Mai 1968: Proteste im Zuccotti-Park Bild: Mark Greif

Zelte werden abgebaut, die Plakate kommen ins Museum: Das Occupy-Camp in New York wurde schon im November geräumt, das in Berlin war nun auch an der Reihe. Wie geht es weiter mit der Bewegung?

          7 Min.

          Am vergangenen Donnerstag kam es im Berliner Occupy-Camp zu einer merkwürdigen Szene. Es regnete, es waren nicht viele Leute da am sogenannten Bundespressestrand in Sichtweite des Kanzleramts, in dieser seltsamen Berliner Zentralwüste, in der auch tausend Demonstranten verloren aussähen. Berlin ist zu leer, zu weitläufig, zu langsam, um wirksam besetzt werden zu können, und dann der Nieselregen - es saßen also nur rund zehn Leute um eine qualmende Tonne herum, die für Wärme sorgen sollte. Es regnete auf das Occupy-Schild und auf das Banner, auf dem „Sapere Aude“ steht; es regnete auf den kleinen Weihnachtsbaum und auf den Bretterzaun, der so etwas ist wie der Burgwall der Occupy-Festung. Ein freundlicher junger Mann betrat das Gelände und fragte, wer denn hier zuständig sei, und man dachte, der will jetzt mitdemonstrieren, aber der Mann sagte nur, er habe bei einer Versteigerung den Zaun hier gekauft; und wann er den jetzt abholen könne.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          - Tja, sagte einer der Besetzer und schaute melancholisch in den Regen: vielleicht Ende Januar.
          - Was willst du denn machen mit dem Zaun?
          - Wir brauchen ihn für ein Yogazentrum, da machen wir ihn schön und bauen ihn wieder auf, sagte der junge Mann strahlend und verschwand.

          Berlin ist zu leer und weitläufig, um wirksam besetzt werden zu können: Occupy-Camp am Bundespressestrand
          Berlin ist zu leer und weitläufig, um wirksam besetzt werden zu können: Occupy-Camp am Bundespressestrand : Bild: AFP

          Seltsame Begegnung: Zwei gleichalte junge Männer; einer braucht den Zaun, um eine Festung gegen die herrschenden Verhältnisse zu bauen, der andere, um sich beim Yoga von ihnen zu erholen.

          Worauf warten wir?

          Das Berliner Occupy-Camp wurde gestern geräumt, in New York wurden die Demonstranten schon Mitte November aus dem Zuccotti Park vertrieben, in dem die Proteste gegen die Macht des Finanzsektors begonnen hatten. Die Kuratoren des Smithsonian Institute sammeln schon die Transparente, um demnächst eine Occupy-Ausstellung zu machen, und die Kommentare von Ökonomen und Soziologen waren zuletzt eher grimmig: Occupy habe keine klaren Forderungen, die Weltsicht sei unterkomplex, physische Besetzungen brächten nichts mehr - ein ziemlich defätistisches Argument nach der arabischen Rebellion und einem Jahr, in dem sich auch im Lokalen zeigte, dass etwa die Besetzung des Hamburger Gängeviertels die Pläne für die Zerstörung der Künstlerateliers dort verhindern konnte. Der klassische Platz hat sich 2011 wieder als Ort entpuppt, an dem politische Veränderungen beginnen. Aber was ist die Veränderung, die mit Occupy Wall Street begann?

          Von dem Plan, die Wall Street zu besetzen, hörte ich zum ersten Mal am 16. September des vergangenen Jahres, als ich Mark Greif, den amerikanischen Essayisten und Mitherausgeber der Zeitschrift „n+1“, in der New Yorker Ludlow Street traf. Greif war einer der Ersten, die im Zuccotti-Park demonstrierten; seit Mitte September hat er mit seinen Kollegen die „Occupy!“-Zeitung herausgebracht; die Texte sind gerade als Buch auf Deutsch erschienen („Occupy! Die ersten Wochen in New York“, Suhrkamp, 95 Seiten, 6 Euro). Sein Mitherausgeber, der Schriftsteller Keith Gessen, hat vor kurzem im Gespräch mit dem „Spiegel“ erklärt, dass er und seine Freunde „alle nicht mehr damit gerechnet“ haben, „dass so etwas passieren würde. Wir haben unser Leben lang auf so etwas gewartet.“ Aber worauf genau?

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          Der euphorische Satz markiert am klarsten die Stimmung eines Milieus, dessen diffuse Sehnsucht nach politischem Engagement bisher kein richtiges Format fand - eine Lage, die nicht dadurch besser wurde, dass die heute diskursprägende Generation der 50-Jährigen, die sich ideologisch gegen ein hippiesk-dystopisches Schreckensbild „der“ Achtundsechziger positionierte, das Wort „Engagement“ nur mit der Kneifzange angefasst hat.

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