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Gina Thomas (G.T.)

Zuckerboykott um 1800 : Sind die Kleinen nicht süß?

  • -Aktualisiert am

Ein Mann in Peschawar trägt einen Sack mit Zucker. (Symbolfoto) Bild: Reuters

Ohne Zusatz von Zucker: Zwei britische Historiker zeigen in einer Studie, wie vor mehr als 100 Jahren engagierte Kinder ihre Familien in den Zuckerverzicht trieben, um sich gegen Sklaverei und Ausbeutung zu stellen.

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          Mit ihrem nicht zuletzt aus der Märchenwelt gewonnenen Schwarz-Weiß-Bild von Gut und Böse neigen Kinder zu einem besonders ausgeprägten Empfinden. Das veranlasst sie oft, strengere moralische Maßstäbe anzulegen als ihre Eltern. In welcher Familie kommt es nicht vor, dass ein Kind plötzlich kein Fleisch mehr essen will wegen der Inhumanität gegenüber Tieren, dass es eine besonders intensive religiöse Phase durchlebt, die Eltern für ihre versteinerte Einstellung zu Genderfragen oder ihr mangelndes Umweltbewusstsein tadelt, wie das Beispiel der Schülerbewegung gegen den Klimawandel zeigt.

          Eine Studie zweier britischer Historiker offenbart, dass Kinder auch an der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert zum Aktivismus motiviert waren. Ryan Hanley von der Universität Exeter und Kathryn Gleadle von der Universität Oxford zeigen in einem Aufsatz über Zuckerboykotte gegen die Sklaverei, dass es oft Kinder in mittelständischen Familien waren, die den Anstoß für den Verzicht auf das westindische Importprodukt gaben. Bereits 1839 stellte die Autorin einer Geschichte des Sklavenhandels und seiner Abschaffung fest, dass in manchen Fällen Kinder, die vom Leid der Afrikaner bei der Zuckerrohr-Kultivierung gehört hatten, sich Zucker „resolut entsagten“ und „in ganzen Familien das System der Abstinenz einführten“.

          In diesem Sinne behauptete der Politiker Thomas Fowell Buxton, nach dem Rücktritt von William Wilberforce der Anführer der Unterhaus-Kampagne für die Abschaffung der Sklaverei, in seiner Kindheit erstmals über die Sklavenfrage nachgedacht zu haben, als er einem Mädchen begegnete, das sich weigerte, Zucker zu essen, weil dieser durch versklavte Zwangsarbeit produziert werde. Die Wissenschaftler machen den von jugendlichem Idealismus beflügelten Aktivismus freilich an Beispielen von Kindern deutlich, die in einem abolitionistischen Umfeld aufwuchsen und in zartem Alter bereits die einflussreiche Schrift des Druckschriftverfassers William Fox über die Angemessenheit, auf westindischen Zucker und Rum zu verzichten, zu lesen bekommen haben.

          Die Ansprache an die Menschen in Großbritannien wurde 1791 veröffentlicht. Bis Jahresende sollen nach Angaben eines führenden Abolitionisten 300.000 Familien Zucker aufgegeben haben. Den Autoren der Studie zufolge veranschaulichen die Reaktionen der Kinder das komplizierte Wechselspiel mit den Eltern, das bei der Betrachtung jugendlicher politischer Handlungsfähigkeit berücksichtigt werden müsse. Vielleicht sollte sich die Regierung überlegen, ob sie den jugendlichen Idealismus einspannen kann in ihre durch die Verbindung zwischen Corona und Fettleibigkeit dringlicher gewordene Kampagne gegen Übergewicht. Gerade an Ostern, dem Fest der süßen Sünden und des Neuanfangs, könnte es künftig heißen: „Karfreitag for Future“.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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