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Tumult im Teatro Real : „Volksoper“

Blick in das leere Teatro Real Bild: dpa

Die Oper in Madrid erlebt eine besondere Premiere. Gäste auf den preiswerten Plätzen, die eng beieinander saßen, während Betuchtere viel Platz hatten, proben den Aufstand.

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          Es ist ja nicht so, dass die spanische Sozialdemokratie vom Niedergang der parlamentarischen Linken in Europa verschont geblieben worden wäre. Aber worauf sie immer noch zählen kann, ist ein lautstarkes, selbstbewusstes Ressentiment der Armen gegenüber den Reichen.

          Manche der linken Familien schwenken bei Demonstrationen sogar noch die alten Fahnen von 1931, inzwischen aus chinesischer Herstellung, die an die Zweite Spanische Republik, versprochene Landreformen und das Exil des Königs Alfons XIII., also an die demokratische Aufbruchsstimmung vor dem Spanischen Bürgerkrieg, erinnern.

          Ausgerechnet am Vorabend einer neuen selektiven Ausgangssperre in Madrid, welche den ärmeren Vierteln des Südens harte Corona-Beschränkungen auferlegt, die für wohlhabendere Zonen nicht gelten, ist der Klassenkonflikt in der ehrwürdigen Madrider Königsoper zur szenischen Aufführung gekommen.

          Als Besucher der preiswerteren Oberränge des Teatro Real ihre Plätze einnahmen, um Verdis „Maskenball“ zu sehen, mussten sie feststellen, dass zwischen den Sitzen nicht die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände bestanden. Fotos zeigen, dass die Operngäste in geschlossenen Reihen von fünfzehn Personen oder mehr dicht nebeneinanderhockten.

          Unten dagegen, auf den 239-Euro-Plätzen der Feinen und Gepuderten, saß man in luxuriös lockerer Anordnung und lauschte dem Orchester beim Stimmen der Instrumente. Was dann geschah, haben unzählige Filmchen überliefert: Es gab Rufe und Proteste. Die Opernleitung sah sich genötigt, den Besuchern im Olymp per Durchsage anzubieten, ihre Tickets zurückzugeben. Manche Gäste taten es; andere protestierten weiter, und wer das Opernmilieu kennt, weiß, dass sich gerade im Biotop der Gesangsliebhaber fieberhafte Leidenschaften zu entfalten pflegen.

          Nun begann die Musik, musste aber bald abgebrochen werden: Oben wurde immer noch gelärmt. „Fuera!“, schallte es durch den Saal. Das bedeutet „Raus mit euch!“ und durfte auf die Musiker, die Sänger, den Dirigenten, die Opernleitung und sicherlich auch auf die Präsidentin der Region Madrid bezogen werden, die den Lockdown beschlossen hatte.

          Die Musik begann ein zweites Mal; und ein zweites Mal musste sie abgebrochen werden. Nun wurde dort oben systematisch geklatscht, gerufen, gejohlt und fast eine eigene musikalische Darbietung daraus gemacht. Man hatte Verdi erwartet und bekam: das Volk. Die Siege dieses Volkes, ach, sie sind kurzlebig. Aber als der Dirigent entnervt aufgab und nach einer vollen Stunde Krawall die Bühne räumte, war womöglich irgendetwas gewonnen, auch wenn keiner so recht sagen konnte, was. Jene, die täglich Metro fahren und um billige Tickets anstehen, könnten versucht sein, es die Stimme des Widerstands zu nennen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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