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Jürgen Kaube (kau)

Deutsche Universitäten : Zu viele Titel, zu wenig Lehre

  • -Aktualisiert am

Etwa 30.000 Doktortitel werden jährlich an deutschen Hochschulen vergeben. Bild: dpa

Die Hochschulrektorenkonferenz beschwert sich über die vielen Doktoranden an deutschen Unis. Die Klagenden haben an der Entwicklung allerdings einen nicht unerheblichen Anteil.

          3 Min.

          An deutschen Universitäten werden inzwischen jährlich etwa 30.000 Doktortitel vergeben. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat gerade dazu aufgefordert, das „kritisch zu hinterfragen“. Man brauche nicht so viele Doktoren, denn nicht einmal ein Fünftel davon bleibe in der Wissenschaft. Der große Rest strebe die Promotion nur an, weil Doktortitel bei der Karriere helfen. Das Argument des Präsidenten der HRK wird erst rund, wenn man einerseits die Belastungen aufzählt, die den Hochschulen durch so viele Doktoranden erwachsen. Sie kosten vor allem Zeit, die von der Forschung und der Lehre abgeht. Stellen wir uns überschlagsweise vor, jede Promotion dauere nur zwei Jahre, und während dieser Zeit seien die Kandidaten alle drei Monate für eine Stunde im Gespräch mit ihrem betreuenden Professor, dann kämen wir pro Jahr auf 24.000 vertane Arbeitstage.

          Andererseits, das gehört auch zum Argument, leben manche Doktoranden in der Illusion, sie würden sich durch das Anfertigen einer solchen Arbeit für die Wissenschaft qualifizieren. Man lässt sie sich also für ein Berufsfeld abstrampeln, das ihnen keine Perspektive bietet. Dass es im deutschen System keine entfristeten Stellen unterhalb der Professur gibt, weswegen Vierzigjährige in ihm noch als „Nachwuchs“ firmieren, der sich mit Zeitverträgen von Projekt zu Projekt hangelt, ist absurd. Und schließlich nimmt der Präsident der HRK implizit an, dass beidem, den Kosten und den Illusionen, keine ausreichenden Erkenntnisgewinne durch die Promotionen gegenüberstehen. Zugespitzt könnte man sagen: Viele der Dissertationen werden nur geschrieben, aber nicht gelesen und nicht einmal zitiert.

          Einsamkeit und Freiheit?

          Wie kommt es zu dieser gigantischen Verschwendung? In Brandenburg findet man keine Handwerker mehr, das Land ächzt unter Facharbeitermangel, aber mit Foucault-Spezialisten, Experten für den Fristverzug im Verwaltungsrecht, Tierethikern und empirischen Bildungsforschern ließen sich ganze Kreuzfahrtschiffe füllen. Wer lässt so etwas zu? Um die Frage zu beantworten, muss man jetzt kurz unsachlich werden, nämlich persönlich und den Namen des Präsidenten der HRK, der an sich nichts zur Sache tut, doch nennen: Peter-André Alt.

          Denn als er im Hauptberuf noch Professor für Germanistik an der Freien Universität Berlin war, eilte ihm durchaus der Ruf voraus, eine beträchtliche Zahl von Doktoranden zu haben. Nicht vier oder fünf, die man mitsamt ihrer Fragen und Texte und Karrieresorgen noch im Blick haben kann, sondern eher in Dimensionen, die schon das Gedächtnis strapazieren können. Einmal im Jahr, so die lokale Sage, habe er sie in einer Berliner Kneipe versammelt und ihnen gut zugesprochen. Ansonsten, wollen Betroffene wissen, habe es sich mit der Betreuung in engen Grenzen gehalten. Aber wir wissen ja, wie undankbar das Personal ist. Außerdem gilt ja in der Wissenschaft, dass sie in „Einsamkeit und Freiheit“ (Humboldt) gedeiht, was beschweren sich also die Unbetreuten überhaupt?

          Konkrete Handlungen statt kritischer Fragen

          Was wir dem gewiss ganz haltlosen Gerücht darum nur entnehmen wollen, ist das allgemeine hochschulpolitische Paradox der Klage über Zustände, an denen man selbst jahrzehntelang beteiligt war. Sie beschweren sich über Noteninflation, aber geben selber, damit Ruhe ist, für manifesten Unsinn beste Zensuren. Sie vernachlässigen die Lehre zugunsten einer Mittelantragsschreiberei, von der sie hinter vorgehaltener Hand sagen, dass sie außerdem von Forschung abhält. Sie schimpfen über die geldausschüttende Krake DFG, aber sind gerade unterwegs zur nächsten Begutachtung. Sofern sie Eltern sind, klagen sie über die Schulen, aber vernachlässigen die Lehramtsstudenten, weil sie denen mit ihrer Forschung natürlich nicht kommen können. Wo man hinschaut, sieht man Leute, die laut unter dem leiden, was sie gerade tun, ohne dass irgendein anderer Zwang dazu ausgeübt würde als der konformistischer Erwartungen.

          Das ist gewiss kein Sondermerkmal von Professoren. Man kennt das klagende Mitmischen beim Klagegründeschaffen auch aus anderen Berufen. In einem Milieu, das sich viel auf offenen Diskurs, Wahrheitsfindung und Erkenntnisgewinn einbilden darf, fällt es aber besonders auf. Vielleicht reicht es einfach nicht, die misslichen Umstände „kritisch zu hinterfragen“. Vielleicht wäre besser an konkrete Handlungen zu denken, etwa eine Art Strafsteuer auf Promovendenhaufenbildung. Man könnte die Dekane stärken, die solche Haufenbildung im Blick haben und sanktionieren müssten.

          Wer mehr Dissertationen produzieren lässt, als glaubhaft intensiv betreut werden können, sollte jedenfalls nicht in irgendwelchen Rankings oder in Zielvereinbarungen auch noch dafür belohnt werden. Leuten, die Verwaltungskarrieren als Universitätspräsidenten einschlagen, sollte man dabei noch schärfer beurteilen. Denn sie sind ja nur in den seltensten Fällen noch dazu in der Lage, sich mit eigener Wissenschaft zu befassen und sich auf dem Stand der Forschung zu halten. Es sei denn natürlich in Fächern, in denen es gar keinen Stand der Forschung gibt.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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