https://www.faz.net/-gqz-7k26c

Zu Gast bei Iny Lorentz : Wieso sollten wir literarisch schreiben?

  • -Aktualisiert am

Das Autorenduo Iny Lorentz, von dem die sagenhaft erfolgreichen Wanderhuren-Geschichten stammen, legt keinen Wert auf herkömmlichen Luxus. Ein Besuch auf dem Campingplatz.

          6 Min.

          Es gibt diese symbiotischen Paare, man erkennt sie meist schon von weitem, weil sie entweder als Doppelgänger in nahezu identischer Bekleidung und mit identischen Haarschnitten und Physiognomien auftreten oder im Gegenteil sich als perfekte Ergänzung inszenieren. Dick und Doof wären ein Beispiel für die Puzzlevariante. Oder Cindy und Bert. Iny Klocke und Elmar Wohlrath, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt unter dem Pseudonym Iny Lorentz, gehören zur ersten Kategorie. Man kann sie erst bei näherer Betrachtung voneinander unterscheiden, und die beiden scheinen es darauf regelrecht anzulegen. Ihre Auftritte in deutschen Provinzbuchhandlungen, in Buchmesse-Lesezelten oder auf Recherchetournee für eines ihrer nächsten historischen Romanprojekte sind legendär. Wie ein altes Karnevals-Prinzenpaar sitzen sie da - man möchte meinen: verkleidet - in straff sitzenden T-Shirts mit Airbrush-Motiven (Wasserfälle vor dramatischen Ruinenlandschaften), dazu Trekkinghosen, während der kühlen Jahreszeit über dem T-Shirt noch ein schwarzes Lederwestchen und ein buntes Rockerhalstüchlein, das als flexibler Teil der Iny-Lorentz-Uniform gelten darf.

          Man kennt die Autoren der sagenhaft erfolgreichen Wanderhuren-Saga (mehr als vier Millionen verkaufte Titel und mehr als doppelt so viele Zuschauer allein bei der Ausstrahlung des ersten Fernsehfilms) in keiner anderen Kluft. Die Fantasy-Welten auf ihren T-Shirts sind aber keineswegs Verkleidung, sondern ihre Welt - eine Welt freilich, die sich in Hunderte Subkontinente aufsplitten lässt. Iny und Elmar sind überall da zu Hause, wo es menschelt und tragödelt. Im Fantasy-Roman, im Western, bei den Römern, im Mittelalter, in der Heimatschnulze, im politischen Intrigenspiel.

          Auf Wanderschaft im Campingwagen

          Iny und Elmar nennen es „trillern“, wenn sie wieder einen ihrer zeitgenössischen Sex-and-Crime-Stoffe verarbeitet haben, wofür sie ein anderes Pseudonym verwenden, damit es nicht aussieht, als würde ein und derselbe Autor alle erfolgreichen Titel in der Knaur-Belletristik verfassen. Eric Maron, Sandra Melli, Nicola Marni, Mara Volkers, Diana Wohlrath, Annie Lechner: hinter diesen Autorennamen in weiteren Verlagen mit so sprechenden Namen wie „Page & Turner“ verbergen sich immer wieder Iny und Elmar. Wenn sie von ihren Thrillern erzählen, sprechen sie es „Triller“ aus - mit einer Selbstverständlichkeit, die Ironie als Haltung ausschließt. Sie sind vollkommen uneitel, wenn es um Äußerlichkeiten geht. Nur wer sie als Plotfabrikanten sieht, beleidigt Ihren Autorenstolz. „Jedes Buch ist anders“, sagen Iny und Elmar - meistens ergänzen sie sich im Sprechen, solche Grundsätzlichkeiten aber kommen ihnen unisono über die Lippen.

          Das Ehepaar Klocke/Wohlrath hat sich in den siebziger Jahren über eine Fantasy-Fan-Gruppe kennengelernt. Er war Themengruppenleiter und lebte in Bayern, sie war einfaches Vereinsmitglied in Köln. Man schrieb sich seitenlange Briefe zur Sache, damals noch mit Maschine getippt. Elmar steuerte gelegentlich selbstbesprochene Tonkassetten bei. So hatte sie ihn immer bei sich, noch bevor sie sich persönlich kennengelernt hatten. 1982 beschlossen sie zu heiraten. Man kann sagen, dass sie den richtigen Griff gemacht haben. Während sich andere Paare über die Jahrzehnte hinweg entfremden, haben Iny und Elmar sich mit der Zeit und den unzähligen Büchern, die sie zusammen verfasst haben, erst richtig kennengelernt. Weil sie für jeden ihrer Romane Rollenspiele ausprobieren, sich gegenseitig den Plot erzählen, bist er sitzt, und sich mit den entworfenen Figuren identifizieren, bis sie selbst zu ihnen werden, ist ihr Eheleben niemals langweilig. Sie bestehen darauf, ihre Lese- und Recherchereisen im Campingwagen zu unternehmen. Hotels sind ihre Sache nicht. Vielleicht verbringen Iny und Elmar so gern Zeit auf engem Raum, weil sie im Kopf andauernd unterwegs sind.

          Blindes Verständnis

          Der Campingplatz der Gemeinde Mörfelden-Walldorf südlich von Frankfurt am Main dient ihnen als Basislager während einer Recherchereise auf die Saalburg. In einer unserem Treffen vorangegangenen Mail wurde vorgefühlt, ob ich im Campingwagen den Espresso lieber mit Wasser oder mit (H-)Milch serviert bekommen möchte. Elmar könne nur das eine oder das andere heiß machen, und ob es eine Semmel oder Kekse dazu sein dürften. In jedem Fall solle ich kurz auf dem Handy anrufen, wenn ich an der Schranke des Campingplatzes stehe. Elmar werde mich dann dort abholen und zum „Dicken“ begleiten. Gemeint war kein Mensch, sondern ein Kleinbus, der den Lorentzschen Wohnwagen schon durch halb Europa gezogen hat, zuletzt zu einer Recherche nach Süditalien.

          Bestsellertaugliche Symbiose: Iny Klocke und Elmar Wohlrath, genannt Iny Lorentz, sind für ihre Romane immer im Wohnwagen unterwegs.
          Bestsellertaugliche Symbiose: Iny Klocke und Elmar Wohlrath, genannt Iny Lorentz, sind für ihre Romane immer im Wohnwagen unterwegs. : Bild: Philip Leutert

          Da Iny wegen eines kaputten Knies an Krücken geht, erledigt Elmar die körperlichen Arbeiten im Alltag: kochen, putzen, Iny in den Wagen helfen und Iny wieder aus dem Wagen heraushelfen. Elmar ist von Natur aus fürsorglich, das bestätigt Iny nach den zehn Thermoskannen gefragt, die im Wohnwagen überall herumstehen. Darin befinde sich der gesunde Roibuschtee, der auch nach einem Tag nicht nachdunkle, den man auch lauwarm trinken könne und den Elmar Iny in großen Mengen kocht, da er seine Frau verdächtigt, zu wenig zu trinken.

          Vielleicht muss Iny an das Trinken aber auch deshalb nicht mehr denken, weil Elmar das für sie erledigt. Eine Symbiose ist ja ein System, das beiden dient und energetische Ersparnisse dort einbringt, wo die Schwächen des Partners liegen. So ist es auch beim Schreiben. Elmar bereitet die Großkapitel jedes neuen Buchs in einer Art Arbeitsrausch vor. Iny lektoriert ihm dann die Flausen und Fehler wieder aus dem Manuskript. Inys Fürsorge kommt dort zum Tragen, wo Elmar ins Phantasieren, ins Zahlenverdrehen und Ausufern gerät. Auch die meisten Sexszenen stammen aus Elmars Feder. Iny hat die brutalsten Passagen der „Wanderhuren“-Pentalogie gar nicht gelesen, sagt sie, weil ihr das zu sehr an die Nieren gehe.

          Für den Verlag ein Glücksfall

          Süffig und deftig geht es auf Tausenden von Seiten über das Schicksal der Wanderhure Marie zu, die als junge Frau geschändet wurde, sich fortan durchs Leben schlägt, dabei mehr Intrigen ausgesetzt ist, als ein einzelner Mensch verkraften kann, und die am Ende einen Triumph von dannen trägt, wie er nur in Romanen dieser Gattung vorzukommen pflegt. Die Gemütlichkeit des Wohnwagens steht im irritierenden Gegensatz zu den Kolportage-Exzessen. Doch Iny Lorentz haben es gegen alle Wahrscheinlichkeiten geschafft, vom Campingplatz aus den Boom historischer Romane in Deutschland auszulösen.

          Bevor der gigantische Erfolg ihrer Bücher einsetzte - zunächst von „Die Kastratin“, einer kruden Geschichte über eine als Mann verkleidete Chorsängerin, später dann der Wanderhuren-Saga -, haben Iny Klocke und Elmar Wohlrath bei einem Versicherungskonzern gearbeitet. Sie in der EDV, wo es um das Erlernen von Programmiersprachen ging, worin, wer will, eine Begabungsäquivalenz zum Simulieren von Epochen-Jargon sehen kann; er in der Postabfertigung. Geschrieben haben sie schon immer, seit den achtziger Jahren gemeinsam. Das Jahr 2003 brachte den Durchbruch mit der „Kastratin“. Seither sind alle weiteren Iny-Lorentz-Titel auf der Bestsellerliste gelandet. Sie sind die Cashcow des Droemer Knaur Verlags. Wenn die beiden während des Buchmessen-Empfangs die Flure des Frankfurter Hofs durchschreiten - in orangefarbenen T-Shirts, Iny an Krücken, Elmar mit Schirmmütze -, versteht man, dass hier zwei Welten aufeinandergeprallt sind, die wenig miteinander zu tun haben, sich aber gegenseitig eine dienliche Sache sind.

          Wie der Stoff, so das Leben

          Es regnet ununterbrochen am Tag der Saalburg-Besichtigung. In der Nähe von Bad Homburg gibt es Reste des Limes zu besichtigen - bislang hatten Iny Lorentz noch nichts mit den Römern zu schaffen, aber ein Fernsehproduzent hat einen Antiken-Stoff bei ihnen in Auftrag gegeben. Also recherchieren sie unverdrossen im Regen, wie die Römer gelebt, gewohnt und gearbeitet haben, was vor allem bedeutet, dass Elmar im Museumsshop alle erhältlichen populärwissenschaftlichen Werke erwirbt und die Museums-Schautafeln mit einer kleinen Digitalkamera abfotografiert. Iny begleitet ihn, sekundiert und diskutiert die historiographische Ausbeute mit ihrem Mann.

          Iny und Elmar haben bescheidene Vorstellungen davon, was mit ihrem Reichtum anzufangen sei. Ein Haus in Poing bei München haben sie gebaut im neorömischen Stil. Einen neuen Wohnwagen haben sie sich geleistet. Ansonsten lassen sie es sich vor allem leiblich gutgehen. Die ehelichen Anpassungsprozesse gehen so weit, dass Iny und Elmar identische Bestellungen aufgeben. Schwarztee, dazu ein Kraftmalz, Suppe mit Kernöl, dann den Sauerbraten von der Tageskarte. Was interessiert sie an ihren historischen Stoffen am meisten? Das Leben der normalen Leute, sagt Iny. Von denen war im Geschichtsunterricht nie die Rede gewesen, nur von Kaisern, Königen und Kriegen.

          Fließband-Produktion im Postfordismus

          Als Neunjährige hat Iny dann in der Leihbibliothek ein Buch gefunden, das hieß „Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters“. Das Interesse war sofort da: „Ehescheidungen in der frühen Neuzeit: Da brauchen Sie nur so Ihren Weidenkorb hinzustellen, und schon purzeln die Ideen.“ Im Mittelalter habe man nicht als Individuum dagestanden, sagt Iny, sondern als Gruppe. Man organisierte sich in Zünften, Bruderschaften oder in der Kirche. „Es wird immer dann schwierig, wenn jemand quer zur Gruppe steht.“ Man kann sagen, das ist das Bauprinzip aller Iny-Lorentz-Romane. „Die Goldhändlerin“, „Die Kastratin“, „Die Wanderhure“ - sie alle haben eine gesellschaftliche Stellung zu verteidigen, sind als Frauen per se das schwache, dann im Lauf der Romanhandlung aber auch plottreibende widerständige Geschlecht. Daraus lassen sich Intrigen über Intrigen stricken. Nebenbei erfährt man, wie es sich damals ungefähr so lebte.

          Soloambitionen hatten sie noch nie. Ungläubig schauen sie von ihren Sauerbraten auf: „Was sollten wir denn dann noch miteinander reden?“ In den Feuilletons kommen sie höchstens als Glossenstoff vor. Sie selbst begreifen das als Glücksfall: „Wenn wir anfangen würden, literarisch zu schreiben, fühlen sich achtzig Prozent der Leser nicht mehr unterhalten“, sagt Elmar. „Will ich meiner Eitelkeit frönen oder zweihunderttausend weitere Leser glücklich machen?“, fragt Iny. Aktuelle Buchverträge laufen noch bis 2018. Immer wieder fällt im Gespräch der Begriff Burnout. Das Tempo, in dem Iny Lorentz Bücher produzieren, zeugt nicht nur von Fordscher Arbeitseffizienz, sondern beweist, dass hier zwei Menschen zu ihrer Bestimmung gefunden haben. „Ich habe mir drei Dinge im Leben gewünscht“, sagt Iny, unter einem Säulengang der Saalburg Schutz vor dem Regen suchend: „Ein eigenes Haus, einen Job, mit dem ich eine Familie ernähren kann, und einen Menschen, mit dem ich mir Geschichten erzählen kann.“ Die Wünsche haben sich erfüllt.

          Weitere Themen

          Die Bilder der Anderen

          Fotos der Dahlemer Sammlung : Die Bilder der Anderen

          Thomas Florschuetz hat in Dahlem die ethnologische Sammlung fotografiert, die in den Schlossneubau umgezogen ist. Seine Bilder entlarven Widersprüchliches. In der Berliner Galerie Diehl stehen sie zum Verkauf.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Propaganda gegen den Weltuntergang

          FAZ Plus Artikel: Pop-Anthologie (122) : Propaganda gegen den Weltuntergang

          Nur ein nationalsozialistisches Durchhaltelied für den Wettbewerb optimistischer Schlager? Nein, „Davon geht die Welt nicht unter“ ist hintergründiger – so wie die Geschichte seines Verfassers Bruno Balz, den dieses Werk vor der Deportation rettete. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán (links) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nehmen am 24. September 2020 in Brüssel an einem Treffen der Visegrad-Gruppe teil.

          Streit mit Polen und Ungarn : Kulturkrieg in der EU

          Der Streit zwischen Brüssel und den Regierungen in Polen und Ungarn geht ans Eingemachte. Die EU muss einen politischen Konflikt als Frage des Rechts verhandeln. Das ist unbefriedigend, aber unvermeidlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.