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Zu Gast bei Iny Lorentz : Wieso sollten wir literarisch schreiben?

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Wie der Stoff, so das Leben

Es regnet ununterbrochen am Tag der Saalburg-Besichtigung. In der Nähe von Bad Homburg gibt es Reste des Limes zu besichtigen - bislang hatten Iny Lorentz noch nichts mit den Römern zu schaffen, aber ein Fernsehproduzent hat einen Antiken-Stoff bei ihnen in Auftrag gegeben. Also recherchieren sie unverdrossen im Regen, wie die Römer gelebt, gewohnt und gearbeitet haben, was vor allem bedeutet, dass Elmar im Museumsshop alle erhältlichen populärwissenschaftlichen Werke erwirbt und die Museums-Schautafeln mit einer kleinen Digitalkamera abfotografiert. Iny begleitet ihn, sekundiert und diskutiert die historiographische Ausbeute mit ihrem Mann.

Iny und Elmar haben bescheidene Vorstellungen davon, was mit ihrem Reichtum anzufangen sei. Ein Haus in Poing bei München haben sie gebaut im neorömischen Stil. Einen neuen Wohnwagen haben sie sich geleistet. Ansonsten lassen sie es sich vor allem leiblich gutgehen. Die ehelichen Anpassungsprozesse gehen so weit, dass Iny und Elmar identische Bestellungen aufgeben. Schwarztee, dazu ein Kraftmalz, Suppe mit Kernöl, dann den Sauerbraten von der Tageskarte. Was interessiert sie an ihren historischen Stoffen am meisten? Das Leben der normalen Leute, sagt Iny. Von denen war im Geschichtsunterricht nie die Rede gewesen, nur von Kaisern, Königen und Kriegen.

Fließband-Produktion im Postfordismus

Als Neunjährige hat Iny dann in der Leihbibliothek ein Buch gefunden, das hieß „Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters“. Das Interesse war sofort da: „Ehescheidungen in der frühen Neuzeit: Da brauchen Sie nur so Ihren Weidenkorb hinzustellen, und schon purzeln die Ideen.“ Im Mittelalter habe man nicht als Individuum dagestanden, sagt Iny, sondern als Gruppe. Man organisierte sich in Zünften, Bruderschaften oder in der Kirche. „Es wird immer dann schwierig, wenn jemand quer zur Gruppe steht.“ Man kann sagen, das ist das Bauprinzip aller Iny-Lorentz-Romane. „Die Goldhändlerin“, „Die Kastratin“, „Die Wanderhure“ - sie alle haben eine gesellschaftliche Stellung zu verteidigen, sind als Frauen per se das schwache, dann im Lauf der Romanhandlung aber auch plottreibende widerständige Geschlecht. Daraus lassen sich Intrigen über Intrigen stricken. Nebenbei erfährt man, wie es sich damals ungefähr so lebte.

Soloambitionen hatten sie noch nie. Ungläubig schauen sie von ihren Sauerbraten auf: „Was sollten wir denn dann noch miteinander reden?“ In den Feuilletons kommen sie höchstens als Glossenstoff vor. Sie selbst begreifen das als Glücksfall: „Wenn wir anfangen würden, literarisch zu schreiben, fühlen sich achtzig Prozent der Leser nicht mehr unterhalten“, sagt Elmar. „Will ich meiner Eitelkeit frönen oder zweihunderttausend weitere Leser glücklich machen?“, fragt Iny. Aktuelle Buchverträge laufen noch bis 2018. Immer wieder fällt im Gespräch der Begriff Burnout. Das Tempo, in dem Iny Lorentz Bücher produzieren, zeugt nicht nur von Fordscher Arbeitseffizienz, sondern beweist, dass hier zwei Menschen zu ihrer Bestimmung gefunden haben. „Ich habe mir drei Dinge im Leben gewünscht“, sagt Iny, unter einem Säulengang der Saalburg Schutz vor dem Regen suchend: „Ein eigenes Haus, einen Job, mit dem ich eine Familie ernähren kann, und einen Menschen, mit dem ich mir Geschichten erzählen kann.“ Die Wünsche haben sich erfüllt.

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