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Zu Gast bei Iny Lorentz : Wieso sollten wir literarisch schreiben?

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Blindes Verständnis

Der Campingplatz der Gemeinde Mörfelden-Walldorf südlich von Frankfurt am Main dient ihnen als Basislager während einer Recherchereise auf die Saalburg. In einer unserem Treffen vorangegangenen Mail wurde vorgefühlt, ob ich im Campingwagen den Espresso lieber mit Wasser oder mit (H-)Milch serviert bekommen möchte. Elmar könne nur das eine oder das andere heiß machen, und ob es eine Semmel oder Kekse dazu sein dürften. In jedem Fall solle ich kurz auf dem Handy anrufen, wenn ich an der Schranke des Campingplatzes stehe. Elmar werde mich dann dort abholen und zum „Dicken“ begleiten. Gemeint war kein Mensch, sondern ein Kleinbus, der den Lorentzschen Wohnwagen schon durch halb Europa gezogen hat, zuletzt zu einer Recherche nach Süditalien.

Bestsellertaugliche Symbiose: Iny Klocke und Elmar Wohlrath, genannt Iny Lorentz, sind für ihre Romane immer im Wohnwagen unterwegs.
Bestsellertaugliche Symbiose: Iny Klocke und Elmar Wohlrath, genannt Iny Lorentz, sind für ihre Romane immer im Wohnwagen unterwegs. : Bild: Philip Leutert

Da Iny wegen eines kaputten Knies an Krücken geht, erledigt Elmar die körperlichen Arbeiten im Alltag: kochen, putzen, Iny in den Wagen helfen und Iny wieder aus dem Wagen heraushelfen. Elmar ist von Natur aus fürsorglich, das bestätigt Iny nach den zehn Thermoskannen gefragt, die im Wohnwagen überall herumstehen. Darin befinde sich der gesunde Roibuschtee, der auch nach einem Tag nicht nachdunkle, den man auch lauwarm trinken könne und den Elmar Iny in großen Mengen kocht, da er seine Frau verdächtigt, zu wenig zu trinken.

Vielleicht muss Iny an das Trinken aber auch deshalb nicht mehr denken, weil Elmar das für sie erledigt. Eine Symbiose ist ja ein System, das beiden dient und energetische Ersparnisse dort einbringt, wo die Schwächen des Partners liegen. So ist es auch beim Schreiben. Elmar bereitet die Großkapitel jedes neuen Buchs in einer Art Arbeitsrausch vor. Iny lektoriert ihm dann die Flausen und Fehler wieder aus dem Manuskript. Inys Fürsorge kommt dort zum Tragen, wo Elmar ins Phantasieren, ins Zahlenverdrehen und Ausufern gerät. Auch die meisten Sexszenen stammen aus Elmars Feder. Iny hat die brutalsten Passagen der „Wanderhuren“-Pentalogie gar nicht gelesen, sagt sie, weil ihr das zu sehr an die Nieren gehe.

Für den Verlag ein Glücksfall

Süffig und deftig geht es auf Tausenden von Seiten über das Schicksal der Wanderhure Marie zu, die als junge Frau geschändet wurde, sich fortan durchs Leben schlägt, dabei mehr Intrigen ausgesetzt ist, als ein einzelner Mensch verkraften kann, und die am Ende einen Triumph von dannen trägt, wie er nur in Romanen dieser Gattung vorzukommen pflegt. Die Gemütlichkeit des Wohnwagens steht im irritierenden Gegensatz zu den Kolportage-Exzessen. Doch Iny Lorentz haben es gegen alle Wahrscheinlichkeiten geschafft, vom Campingplatz aus den Boom historischer Romane in Deutschland auszulösen.

Bevor der gigantische Erfolg ihrer Bücher einsetzte - zunächst von „Die Kastratin“, einer kruden Geschichte über eine als Mann verkleidete Chorsängerin, später dann der Wanderhuren-Saga -, haben Iny Klocke und Elmar Wohlrath bei einem Versicherungskonzern gearbeitet. Sie in der EDV, wo es um das Erlernen von Programmiersprachen ging, worin, wer will, eine Begabungsäquivalenz zum Simulieren von Epochen-Jargon sehen kann; er in der Postabfertigung. Geschrieben haben sie schon immer, seit den achtziger Jahren gemeinsam. Das Jahr 2003 brachte den Durchbruch mit der „Kastratin“. Seither sind alle weiteren Iny-Lorentz-Titel auf der Bestsellerliste gelandet. Sie sind die Cashcow des Droemer Knaur Verlags. Wenn die beiden während des Buchmessen-Empfangs die Flure des Frankfurter Hofs durchschreiten - in orangefarbenen T-Shirts, Iny an Krücken, Elmar mit Schirmmütze -, versteht man, dass hier zwei Welten aufeinandergeprallt sind, die wenig miteinander zu tun haben, sich aber gegenseitig eine dienliche Sache sind.

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