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Zu Brandts Hundertstem : Ende in der Eifel

Heino schließt sein Café, die SPD ihre Akademie in Bad Münstereifel. Für Willy Brandt war das ein bedeutender Ort.

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          Heino und seine Haselnusstorte – das war bis vor kurzem die bekannteste Sehenswürdigkeit von Bad Münstereifel, Ausflugsziel von Kaffeefahrten und Seniorinnenkränzchen, doch inzwischen süße Nostalgie. Denn die fachwerkpittoreske Altstadt des Kurorts wird gerade zum ersten „City Outlet“ abseits der grünen Wiese aufgebrezelt, in das ab März eine Million Modekunden im Jahr einfallen sollen. Da meint auch eine andere Institution, mit nicht ganz so klangvollem Namen wie „Heinos Café“ vis-à-vis vom Rathaus, die Zeichen der Zeit zu erkennen, sich aus dem Eifel-Städtchen verabschieden zu müssen. Die SPD wird, so hat die ihr nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung entschieden, die Kurt-Schumacher-Akademie zum Jahresende 2014 schließen und damit einen Ort aufgeben, der für große und auch schwierige Stunden ihrer Geschichte steht.

          Im Oktober 1969 traf sich Noch-Außenminister Willy Brandt hier im engsten Kreis, darunter Wehner, Bahr und Ahlers, um auf Gut Giersberg seine erste Regierungserklärung – „Mehr Demokratie wagen!“ – zu entwerfen. Zwei Jahre später eröffnete die Friedrich-Ebert-Stiftung in einem ehemaligen Kurhotel die Bildungsstätte „Haus Münstereifel“, wo Wehner im März 1973 „ohne jede Vorwarnung und in der ihm knappen Art“ (Brandt in seinen „Erinnerungen“) erklärte, dass er nicht mehr für den stellvertretenden Parteivorsitz kandidieren werde.

          Am 19. April 1973 gründete Mário Soares, unter Mitwirkung von Brandt, mit Freunden aus dem Exil und dem Untergrund hier die Sozialistische Partei Portugals wieder, und auch Brandts Rücktritt wurde „in der Nacht von Münstereifel“, wo er am 4.Mai 1974 vor den versammelten Spitzengenossen „die politische Verantwortung“ übernahm, vorbereitet. Noch zum vierzigjährigen Bestehen im Herbst 2011 hatte Peter Struck als Vorsitzender der Ebert-Stiftung eine Bestandsgarantie für die Akademie gegeben, die auch mit den „Literaturgesprächen“ ihres langjährigen Leiters Helmut Mörchen bekannt geworden ist. Doch schon unter Strucks Nachfolger Kurt Beck hat die Stiftung ihre Einrichtung, die sich längst von einer Heimvolkshochschule zu einer politischen Bildungsstätte erneuert hat, als zu teuer und „nicht mehr zeitgemäß“ abgetan. Da zeigt Heino, der zum Rocker mutierte Heimatsänger, mehr Standfestigkeit: Sein Café hat er wenige hundert Meter bergauf ins Kurhaus verlegt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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