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Zu Besuch bei Yoko Ono : Jeder Tag ist ein glücklicher Tag

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Sie ist leise, gibt sich scheu, doch Yoko Ono weiß, was sie will Bild: dapd

Kaum eine Frau zog so viel Hass auf sich wie Yoko Ono: Man gab ihr die Schuld an der Trennung der Beatles, ihre Kunst wurde ausgelacht. Sie hat diese negative Energie umzuwandeln und kreativ zu nutzen verstanden.

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          Jeder kennt sie. Jeder weiß seit einem halben Jahrhundert, wer sie ist, wie sie aussieht, wo sie wohnt, wann das Leben aufgehört hat, sie zu verwöhnen. Ein Popwesen mit Durchhaltekraft, aber ohne säuberliche Umrisse. Für uns alle ist sie die Witwe von John Lennon. Für manche immer noch die ominöse Frau, die die Trennung der Beatles auf dem Gewissen hat. Und für diesen und jenen auch die Künstlerin, die weniger singt als haucht und zirpt und schreit und sogar irgendetwas mit Fluxus zu tun hatte, also mit der Avantgarde, wie sie in den Sixties florierte. Viel Stoff, um ins Gespräch zu kommen, ja viel zu viel Stoff, um dann nicht in Gefahr zu geraten, den Faden zu verlieren. Aber worüber will Yoko Ono erst einmal reden?

          „Fracking!“

          Wir sitzen in ihrer Küche im Dakota. Auch das ein Name, den jeder kennt. Vor der pompösen Wohnfestung am Central Park wurde John Lennon niedergeschossen, es war der 8.Dezember 1980, und bis heute halten zu jeder Tageszeit und oft auch noch in der Nacht Touristen ihre Kameras auf die livrierten Doormen, die im Schein von ewig flackernden Gaslaternen Wache schieben. Oben in der Endlosigkeit einer Wohnung, deren Zimmerfluchten sich als Oase absoluter Stille offenbaren, ist die Stadt draußen kaum mehr zu erahnen.

          Im Schutz der Fußbodenwolken

          Auch wenn mich kein netter Herr ermutigt hätte, die Schuhe auszuziehen, hätte ich es nie gewagt, der blütenweißen Flausch- und Flockenpracht des Fußbodens eine gemeine Ledersohle zuzumuten. Wie über einen Wolkenteppich kann ich auf Socken in Richtung Küche schweben, wobei der Blick ungehindert nach links und rechts schweifen darf, hinein in Salons, in behagliche Gemächer und exquisit ausgestattete Kabinette, allesamt überquellend von Kunst. „Das hier sind Bilder von Otto Dix und George Grosz“, sagt Jon Hendricks, der nette Herr, der Yoko Ono als Freund und Kurator durch die Jahrzehnte begleitet hat. Georgia O’Keeffe und Tamara de Lempicka haben auch Einlass gefunden, und über einem offenen Kamin hängt ein Porträt von John Lennon, angefertigt in Andy Warhols Factory.

          Bis heute wohnt Yoko Ono im Dakota Building, vor dessen Toren John Lennon 1980 erschossen wurde

          In der rustikalen Küche, in der manch eine New Yorker Wohnung Platz fände, laden bequeme Sofas und Sessel zum Plausch. Ein Buddha mischt sich unter Töpfe und Teller, ein unebenes Mosaik dient als Küchentisch. Auf einmal steht sie da. Von Kopf bis Fuß in Schwarz, eine zierliche, zerbrechlich wirkende Figur, lautlos hereingeweht im Schutz der Fußbodenwolken. Es kann nur ein wildes Gerücht sein, dass sie in zwei Wochen achtzig Jahre alt werden soll. Die Sonnenbrille ist ihr auf die Nasenspitze nicht gerutscht, sie sitzt dort auf permanenter, strategisch genau ausgetüftelter Position, die es der Trägerin erlaubt, mich über den Brillenrand zu fixieren.

          Der Frieden von gestern

          Yoko Ono mag sich sanft geben, mag in niedlichstem Japanenglisch leise und verhaucht über das und ihr Leben, die und ihre Welt erzählen, aber darunter ist ein eiserner Wille zu spüren und noch im gekonnt verschüchterten Lächeln eine gehörige Portion Selbstsicherheit. Sie scheut sich nicht, ihren Ruhm und ihr Geld für ihre Überzeugungen einzusetzen.

          Darum auch gleich der Hinweis aufs Fracking. „Sehr, sehr wichtig“, raunt sie kampfbereit. Sorgen aber machen ihr nicht nur die neuen Techniken der Erdgasgewinnung und ihre Folgen für Boden, Wasser und Luft. „Ich bin eine Aktivistin. Ich setze mich für vieles ein, und Fracking ist nun noch dazugekommen.“ Kein Geheimnis, wofür sie sonst vor allem wirbt und viel Geld ausgibt: „Weltfrieden!“ Spätestens da holt die Vergangenheit uns am Küchentisch ein.

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