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Zu Besuch bei  Thomas Piketty : Der neue Star der Intellektuellenszene

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Pikettys Diagnosen und Vorschläge haben etwas bestechend Pfadfinderhaftes, man erkennt den Geist der Generation darin, so wenig antagonisierend, ganz und gar auf den kommunikativ erarbeiteten Konsens hin geschrieben. Meine Skepsis betrifft die Adressaten, die andere Seite des Gespanns aus Intellektuellen und Regierenden. Ich sage ihm, dass ich nicht glaube, dass die deutsche Bundeskanzlerin so denkt, in Dingen, die man tun, und in Schritten, die man gehen muss. Sie verdankt ihren Erfolg dem Nichtstun, dem Nichtssagen und der dilatorischen Politik, dem Aufschieben. Sie möchte gern im Amt bleiben, und das kann man am besten, wenn man möglichst wenig macht. Leider entspricht dies auch Pikettys Eindruck vom französischen Staatspräsidenten.

Piketty, der den Sozialisten nahesteht, beschreibt Hollande als einen „Meister der verbalen Pirouette, der es versteht, im Moment rhetorisch gut dazustehen, aber zwischen den Dingen und den Worten längst keinen Unterschied mehr zu erkennen vermag. Vor dreißig Jahren bezog François Hollande erstmals ein Büro im Elyseepalast. Heute ist er wieder dort, wenn auch in anderer Funktion. Er lebt und argumentiert in einer eigenen, abgeschlossenen Welt.“

Wir müssen es halt nutzen

Piketty entwirft unverdrossen Pläne, die die beiden umsetzen könnten, etwa den einer europäischen Budgetkammer, in der Abgeordnete aus den Haushaltsausschüssen der Parlamente der Euro-Staaten über europäische Budget- und Fiskalfragen entscheiden.

Europa, davon ist Piketty überzeugt, wird künstlich schwach gemacht: politisch schwach, aber auch wirtschaftlich schwach, obwohl es eines der reichsten Gebiete der Erde ist, mit einer gut ausgebildeten und einigermaßen friedlichen Bevölkerung. Harmonisiert und einigermaßen vernünftig regiert, könnte hier ein echtes Kraftzentrum der Demokratie, des Sozialstaats und der öffentlichen Kultur blühen. Aber es anders zu machen würde einen gewissen Aufwand erfordern, Unruhe bringen, und derzeit wird der Wähler behandelt wie ein schwer depressiver Patient: bloß nicht laut werden, bloß keine Zumutungen.

Pikettys Buch zeigt nebenbei auch, dass wir im intellektuellen Austausch zwischen Deutschland und Frankreich zurückgefallen sind. Hans Hütt, gelegentlich Autor auch in dieser Zeitung, wies auf den Umstand hin, dass Piketty in Deutschland erst auf dem Umweg über Amerika rezipiert wurde, die Originalausgabe blieb weitgehend unbemerkt. Und die deutsche Ausgabe steht noch in weiter Ferne, sein deutscher Verlag C.H. Beck will dieses so wichtige Werk erst irgendwann 2015 in deutscher Übersetzung herausbringen – so kann es zu keiner europäischen Debatte kommen.

Piketty ist müde, der plötzlich hereinbrechende Ruhm ruft auch Gespenster auf den Plan. Er muss sich mit seiner durchdachten, sozialdemokratisch-popperianischen Anthropologie des Kapitals plötzlich gegen den Vorwurf verteidigen, ein gefährlicher Linksradikaler zu sein, sein Wikipedia-Eintrag ist ein Tummelplatz der Trolle. Er macht sich mit einem aggressiv wirkenden Espresso aus einem kleinen braunen Plastikbecher Mut. Bevor wir uns verabschieden, äußert er noch einen Wunsch: „Könnten Sie bitte deutlich machen, dass ich ein optimistisches Buch geschrieben habe? Wir in Europa, wir haben alles, was wir brauchen. Wir müssen es halt nutzen.“

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