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Zu Besuch bei  Thomas Piketty : Der neue Star der Intellektuellenszene

  • -Aktualisiert am

Doch nun kündigen sich die alten Verhältnisse wieder an, die aus den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts, von Balzac und Jane Austen, die Piketty immer wieder zitiert. Bloß dass diese Dynamik zu Beginn unseres Jahrhunderts weitaus stärker wirkt, weil sie sich global entfaltet.

Weltweit harmonisiert

Besonders streng fällt das Urteil Pikettys über die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten aus, wo sich die politische Klasse, was die Vermögensverhältnisse betrifft, längst und wohl unwiderruflich in einer ganz anderen ökonomischen und sozialen Sphäre bewegt als jene, die sie zu repräsentieren hätte. Er weist nach, dass das einstige Land der Pioniere nur noch die Rentiers belohnt, und befürchtet, es könne zum stagnierenden alten Kontinent der neuen Weltordnung mutieren, in dem Dynastien wie die der Bushs und Clintons alternierend regieren und die großen Trends bestenfalls moderieren.

Pikettys wahres Engagement aber gilt Europa. Wir leben, seine Arbeiten zeigen es, auf einem der reichsten Flecken der Erde. Dass die öffentlichen Kassen leer, die politische Gestaltungsmacht schwach und die supranationale Zusammenarbeit kapriziös erscheinen, das ist allein ein Produkt der Politik der gegenwärtigen Regierungen, die alle ein Interesse daran haben, Europa schwächer dastehen zu lassen, als es ist.

Und fiskalisch, das betont er, ist unser Teilkontinent ein echtes Sieb: Luxemburg, Monaco, die Schweiz, die britischen Kanalinseln – wer seine Steuerlast minimieren will, muss nicht mal in irgendeinen Oligarchenstaat ziehen, er kann dies mitten in Europa tun und die Vorteile einer Zivilisation genießen, ohne dafür den angemessenen Anteil beizutragen. Für Piketty ist dies: reiner Diebstahl.

Dabei spart er allerdings auch nicht mit Kritik am staatlichen Umgang mit eingenommenen Geldern. Die Erfordernisse der Modernisierung und zur Transparenz politischen Handelns sind gerade vielen Verantwortlichen unter den Linken noch nicht genügend im Bewusstsein, klagt er. Er macht es sich nie einfach und bemüht sich geradezu obsessiv, pragmatisch und im Sinne des Common Sense zu formulieren. Am Ende des Buches aber gestattet er sich eine Utopie: eine progressive Steuer auf das Kapital, weltweit harmonisiert erhoben. Technisch und juristisch wäre das problemlos zu machen, politisch natürlich nicht.

In einer eigenen, abgeschlossenen Welt

Man kann darüber wehmütig werden: Die große Utopie unserer Generation ist eine neue Steuer? Sehen wir es so: Diese gleichmäßige Verteilung der Lasten sichert ein hart erkämpftes Zivilisationsmodell, das von allein unweigerlich erodiert. Die Aufgabe wäre, den historischen Augenblick, der vierzig Jahre währte, über sein Verfallsdatum hinaus zu perpetuieren, damit der demokratische, soziale und kulturstaatliche Rechtsstaat nicht in die Hände der Oligarchen, der Drogenbosse und Rohstoffkönige, der Jungs mit den schwarzen Geländewagen zurücksinkt. Und Piketty erinnert in seinem Buch außerdem daran, dass es stets Steuerfragen waren, die am Beginn von Revolutionen standen.

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