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Zu Besuch bei  Thomas Piketty : Der neue Star der Intellektuellenszene

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Das Bild einer Lawine

Pikettys Thema ist die Ungleichheit. Seit Jahren sammelt er Daten über das Geld der Welt, insbesondere über das der Reichen. Das ist nicht einfach; denn so omnipräsent und wirkmächtig sich das Kapital zunehmend erweist, so wenig untersucht ist es. Seit Jahren arbeitet er mit seinen Kollegen an einer Datensammlung, die die finanziellen Verhältnisse der Reichen abbildet. Er hat diese Erkundungen auch in historischen Epochen unternommen, in seinem Buch kann Piketty also eine historische Anatomie des Kapitals vornehmen, mit ausführlichen, nahezu philosophischen Betrachtungen zu Themen wie Rente, Steuern und anderem mehr.

Er versteht die Wirtschaftswissenschaften im Unterschied zu seinen Kollegen nicht als eine der hohen Mathematik verwandte schöne Kunst, sondern als Sozialwissenschaft, der es darum gehen sollte, mit realen Daten reale Probleme zu erörtern oder gar zu lösen. „Mir kam es immer mehr auf das Urteil der Kollegen in den Geschichtswissenschaften oder der Soziologie an als auf jenes der Wirtschaftswissenschaftler, die, obwohl – oder gerade weil – sie alle anderen Wissenschaften ignorieren, von nichts etwas verstehen.“

Was er herausgefunden hat, ist leicht zu verstehen, aber schwer zu beweisen und von nicht abzuschätzender Tragweite, denn es widerlegt die neoliberale Lehre, die uns nun schon so viele Jahrzehnte regiert. Es ist das Bild einer Lawine: Einmal ausgelöst, vermehrt sich die Masse des Kapitals schneller, als der Arbeitnehmer rennen kann. Wenn der Staat oder die Geschichte nicht regulierend eingreifen, wächst das Kapital immer schneller als alles andere, insbesondere der Ertrag der Arbeit. Das bürgerliche Leistungsprinzip ist dann ausgehebelt, wie jetzt schon in den südeuropäischen Ländern oder in Russland. Es ist egal, ob ihre Kinder eine gute Schule besuchen, sich Mühe geben, eine gute Stelle bekommen – wenn die Eltern nicht bereits reich sind, ist der soziale Aufstieg eine komplizierte und äußerst unwahrscheinliche Sache.

Alte Verhältnisse kündigen sich an

Auf unsere Zeit bezogen, bedeutet dies, dass die Lasten, die zur Aufrechterhaltung unseres Lebensstandards als Kulturnation und Sozialstaat zu tragen sind, künftige Arbeitnehmer erdrücken werden. Und der Einfluss jener, die ihr Geld schlicht geerbt oder auf unmoralischen, ja, illegalen Wegen vermehrt haben, der Oligarchen und der Steuerhinterzieher, ist stärker als die matte politische Repräsentanz der ausgebrannten Mittelschichten. Öfter mal müde und abgespannt, volle Arbeitstage und doch regelmäßig zu Gast im Dispo? Dann empfiehlt sich diese Lektüre von „Capital au XXième siècle“, um zu kapieren, dass es mit individueller Work-Life-Balance, mit Coaching und Duftkerzen an der Badewanne allein nicht zu ändern ist.

Dass wir die jetzige Entwicklung, die Ausweitung der Schere zwischen Arm und Reich als Rückschritt verstehen, ist darauf zurückzuführen, dass die vergangenen Jahrzehnte eine historische Ausnahme waren. Die Abmilderung der sozialen Spannungen, der Aufstieg der Mittelklassen und das Maßhalten der Reichen verdankten sich nicht allein weiser Steuerung großer Männer, sondern historischer Kontingenz. Kurz gesagt, waren es der Zweite Weltkrieg und die Folgen, die zu einer historischen Ausnahmesituation führten, in der das Kapital nicht schneller wuchs als beispielsweise der Ertrag der Arbeit.

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