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Zu Besuch bei  Thomas Piketty : Der neue Star der Intellektuellenszene

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Und irgendwann, so Veyne, war die Zeit der Genies ebenso plötzlich wieder vorüber, wie sie begonnen hatte. Das hatten die allerdings auch selbst in die Wege geleitet: Die Wissenschaft wurde redlicher, besser – auch um den Preis, differenzierter zu operieren, und in ihrem Geltungsanspruch begrenzter. So wurde der Intellektuelle zum Experten. Nur noch wenige Restexemplare aus der Epoche der großen Allrounder bewohnen die medialen Biotope, schreiben Kolumnen oder werden in Fernsehstudios laut. Und von diesen wenigen genießt kaum noch einer autonome wissenschaftliche Anerkennung.

Und nun geht nach langer Zeit wieder einer den umgekehrten Weg: vom linken, in Paris bekannten Wirtschaftswissenschaftler zum Deuter unserer Epoche. Einen echten Gezeitenwechsel bedeute dieses Buch, jubelte Paul Krugman in der „New York Times“: Es werde die Ökonomie verändern und damit die ganze Welt.

Wer sind denn diese Leute?

Doch wer sich auf den Weg zu Piketty macht, könnte an ein Missverständnis oder einen Scherz glauben. Man muss zu einem Randbezirk des Pariser Univiertels Quartier Latin, der aussieht wie ein Randbezirk der Zivilisation: völlig leere Straßen, eine verwitterte Autowerkstatt und an einer Ecke ein schwarzer Rollkoffer, den jemand schon ziemlich lange unbeaufsichtigt lässt. Am Eingang der angegebenen Adresse steht eine grobe Holzhütte wie aus dem Baumarkt oder einem übermütigen Kunstprojekt. Daran wurde ein Schild angebracht, das dies als Eingang zur Paris School of Economics ausweist, jener komplizierten Dachorganisation mehrerer Lehrstühle, die Thomas Piketty im Auftrag des damaligen Premierministers de Villepin vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat.

Sosehr Frankreich seine Intellektuellen noch weit über ihren Tod hinaus verehrt, so sehr werden die im Staatsdienst tätigen Denker im akademischen Alltag, einer althergebrachten schwarzen Pädagogik folgend, auf Minimalmaß zurechtgestutzt. Es gibt kein Sekretariat und keine wegweisenden Tafeln. Fragt man sich durch, so folgen bald die Kommentare: „Na, da werden wir wohl bald einen Wegweiser für all die Journalisten anbringen müssen, die zu Thomas wollen!“

Piketty bewohnt ein winziges Dienstzimmer, das kaum zur artgerechten Haltung eines mittelgroßen Säugetiers zugelassen werden dürfte. Wenn man einen zweiten Stuhl hineinstellt, lässt sich die Tür nicht mehr schließen. Er erzählt, noch immer ganz erschüttert, von einem unmoralischen Angebot: Veranstalter aus Hongkong hätten ihn zum Vortrag eingeladen und ein Honorar von hunderttausend Dollar geboten. Er kann sich gar nicht beruhigen: „Wer sind denn diese Leute? Wie kommen die auf die Idee, so viel Geld zu bieten und ausgerechnet mir? Haben die nicht gelesen, was ich schreibe? Worin liegt der ökonomische Sinn solcher Honorare, zumal das Angebot von Leuten kommt, die ihren Hausangestellten vielleicht zehntausend Dollar im Jahr zahlen?“

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