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Zu Besuch bei Occupy-Dublin : Eine kontinuierliche Lernsituation

  • Aktualisiert am

Vier Dubliner Aktivisten: Marc, Stephanie, Dan und Jemma Bild: Sophie von Maltzahn

Protest vor dem Referendum zum Stabilitätspakt in Irland: Die Camps in der Wall Street und in London wurden geräumt, doch in Dublin wird weiter besetzt. Vier irische Aktivisten berichten.

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          Marc, 23 Jahre alt

          Am besten wäre, wenn es gar kein Geld gäbe. Und auch keine Computer. Ich sage: Kehrt zurück zu Stift und Papier. Nur so kann sich die Gesellschaft davon befreien, was sie korrupt macht. Ich sage: Fangt zu leben an. Ich habe es so satt zu sehen, wie die Leute sich kaputtarbeiten. Nie gehen sie abends aus oder haben Zeit zum Entspannen. Und wofür? Das Geld wird ihnen doch sowieso wieder abgenommen. Heute müssen Leute dafür zahlen, dass sie auf ihrem eigenen Land leben. Zahlen an Leute, die nicht mal hier leben. Das ist alles europäisch und nicht irisch.

          Für ihn ist Geld überflüssig: Es werde den Leuten doch sowieso wieder abgenommen

          Ich bin so gut wie jeden Tag im Camp, ich wohne nirgendwo. Auch wenn ich nicht hier bin, blicke ich von außen auf das Camp. Ich warte auf den Moment, wenn die Straßen stillstehen, die Leute rauskommen und sagen: Nein, ich mache nicht mehr mit. Ich warte darauf, weil ich sehe, wie sehr jeder leidet. Als wir noch das Pfund hatten, war das Leben viel einfacher für mich. Man konnte so viel für fünf Pfund kaufen. Heute zahlt man mehr für die Packung als für das Essen selbst. Klar suche ich auch einen Job, aber es gibt so gut wie keine. Ich war nicht auf einer weiterführenden Schule. Aber ich mag auch keine Schulen. Arbeit kriege ich über Freunde, Gelegenheitsjobs im Lager oder beim Bühnenbau. Meine Mutter und meine Freunde sind froh, dass ich hier bin und überhaupt etwas tue. Nicht, dass ich sonst nichts täte. Aber sie sind froh, dass ich aufstehe. Auch für die nächste Generation. Die soll es leichter haben. Klar möchte ich Kinder haben. Am liebsten möchte ich später in Kalifornien leben. Ein eigenes Schlafzimmer für meine Frau und mich haben und ein eigenes Zimmer für meine Kinder. Ich würde gern als Florist arbeiten. Ich liebe die Natur. Oder als Künstler, ich male gern und schreibe auch. Ich könnte ein Tätowierungskünstler sein. Ich weiß, ich muss meinen Träumen folgen und nutzen, womit ich geboren wurde. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, plane ich eigentlich überhaupt nicht für die Zukunft.

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          Jemma, 17 Jahre alt

          Ich helfe beim Aufräumen des Camps und bringe Essen von zu Hause mit. Ich bin jeden Tag hier von fünf Uhr nachmittags bis elf Uhr abends. Dann nehme ich wieder den Bus nach Hause. Ich wohne eine gute Stunde vom Camp. Manche Freunde von mir finden, dass hier keine guten Leute sind. Nur solche, die eh keinen Job kriegen und auf Kosten des Staats leben. Aber ich sehe das nicht so. Sie kämpfen gegen etwas, das auch meine Freunde mal betreffen kann, wenn sie einen Job suchen oder Sozialhilfe brauchen. Das verstehen die meisten nicht. Meine Eltern stimmen aber Occupy zu und finden gut, was ich hier mache.

          Ohne feste Ideologie: Jeden Nachmittag versorgt sie die anderen Campbewohner mit Lebensmitteln

          Sie sind auch betroffen. Meine Mutter muss hohe Arztkosten zahlen. Sie hat einen kaputten Rücken. Aber weil sie die meiste Zeit arbeitet, kriegt sie keine Unterstützung. Weil sie nicht in die Kategorie „behindert“ fällt. Mein Vater ist auch betroffen von den vielen Kürzungen und muss sein Darlehen zurückzahlen. Das belastet uns sehr. Wenn ich in zwei Jahren fertig mit der Schule bin, möchte ich aufs College gehen und Innendesign studieren. Ich möchte etwas erschaffen, wo man sich zu Hause fühlt und willkommen. Etwas, das schön ist. Ich habe aber keine feste Ideologie oder so, der ich zustimme. Wenn es so was für mich gibt, dann sind es die Ideen aus der Unabhängigkeitserklärung von Irland. Dass Irland ein freies Land ist.

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          Stephanie, 38 Jahre alt

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