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Zeuge der NS-Verbrechen : Améry verstehen

Jean Améry floh, wurde deportiert, entkam und wurde schließlich doch ins KZ gebracht. Er schrieb zu früh darüber, um tiefere Spuren im Gedächtnis der Literatur zu hinterlassen.

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          Heute vor hundert Jahren wurde Jean Améry geboren - in Wien, als Hans Mayer, der seinen Namen im Exil französisierte: den Vornamen durch Übersetzung, den Nachnamen durch Anagrammierung. Jean Améry wurde nicht nur sein nom de guerre, sondern auch sein nom de plume, unter dem er zuerst Widerstandsaufrufe und nach dem Krieg einige der bedrückendsten Zeugnisse über den Schrecken des NS-Regimes publizierte. Wer hätte ihm verdenken wollen, dass er den deutschen Namen nicht mehr tragen mochte nach dem, was ihm die Deutschen angetan hatten? Von der Mutter katholisch erzogen, wurde er wegen des jüdischen Vaters verfolgt, als seine österreichische Heimat 1938 unter Hitlers Herrschaft kam.

          Mayer floh nach Belgien, wurde deportiert, entkam wieder, wurde abermals festgenommen, gefoltert und ins Konzentrationslager gebracht, das er überlebte - aber nur um dreiunddreißig Jahre, ehe sich der Überlebende 1978 das Leben nahm. Wie sein italienischer Schicksalsgefährte Primo Levi oder Art Spiegelmans Mutter Anja, die beide gleichfalls der Hölle von Auschwitz entkamen, aber die Schrecken des Erlebten nie mehr loswurden, auch nicht durchs Erzählen. Améry war in den sechziger und siebziger Jahren der Zeuge des Verbrechens schlechthin; doch er schrieb zu früh, um sich schon jene Unmittelbarkeit der Schilderung des Entsetzens zuzutrauen, die Levi dann gewählt hat - weshalb heute er derjenige ist, der von den schreibenden Überlebenden die tiefsten Spuren im Gedächtnis der Literatur hinterlassen hat.

          Bemühen um Verständnis

          Als Améry Zeugnis ablegte, tat er es immer auch reflektiert, doch dieses Bemühen ums Verstehen - nicht um Verständnis! - dessen, was geschehen war, erreichte notgedrungen nicht die philosophische Position, die ein Emigrant wie Theodor W. Adorno, dessen die Deutschen nicht habhaft werden konnten, in aller Kühle und Kompromisslosigkeit einnahm. Die Tragik des Jean Améry ist also auch noch eine der Gegenwart. Ungeachtet der erst vor kurzem abgeschlossenen großen Werkausgabe können wir anscheinend nicht mehr verstehen, wie Jean Améry sich ums Verstehen bemüht hat - als einer, dem noch niemand schreibend den Weg dazu bereitet hatte. Auch das hat er selbst leisten müssen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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