https://www.faz.net/-gqz-8fab5

Zerstörte Ruinenstadt : Palmyra muss seine Geschichte selbst erzählen

  • -Aktualisiert am

Sollte die „Stadt der Palmen“ wieder aufgebaut werden? In welchem Zustand? Argumenationshilfen gibt ein Blick auf die ersten Zeichnungen aus der Wüste.

          4 Min.

          Palmyra-Zeichnungen aus der Hand von Louis François Cassas faszinieren zurzeit im Kölner Wallraf-Richartz-Museum Archäologen und Bauforscher ebenso wie interessierte Laien. Die Attraktivität der Ausstellung erklärt sich nicht nur aus der Qualität der Zeichnungen, aus der Detailgenauigkeit und Präzision, mit der Cassas die Ruinen Palmyras ebenso wie seine mehr oder weniger freien Rekonstruktionen in kolorierten Zeichnungen zu Papier zu bringen vermochte, sondern vor allem aus der Aktualität der Zerstörung der Stadt durch Milizen des sogenannten IS. Die Brutalität der Bilder von der Ermordung von Menschen und der Vernichtung all dessen, was die historisch gewachsene, reiche Vielfalt ihrer kulturellen Identität über Jahrhunderte in der steinernen Gestalt des antiken Palmyras sichtbar bewahrt hat, hinterlässt untilgbare Spuren im Gehirn.

          Angesichts der heillosen Verstörung verlässt auch der Kunsthistoriker Horst Bredekamp den rein fachimmanenten Diskurs. Sein Beitrag zur Kölner Ausstellung ist eine einzige Kampfansage gegen die todessüchtige Zerstörungswut des IS. Noch bevor uns die Stimmen syrischer Archäologen und Bauhistoriker erreichen konnten, forderte er die Wiederherstellung der Stadt durch Rekonstruktion, wenn auch nur exemplarisch und symbolisch – als wieder sichtbares und fassbares Ensemble von Monumenten.

          Lupenrein gezeichneten Risse und Schnitte

          Die Wiedererrichtung von Ruinen oder gar die Errichtung eines rekonstruierten Tempels können zwar nicht ersetzen, was war, aber sie werden die Erinnerung, die Trauer und auch den Zorn bewahren wie stolze Bühnenrequisiten, die Anklage erheben. Nach der Rückeroberung Palmyras durch syrische Streitkräfte verspricht Maamoun Abdelkarim, Leiter der syrischen Antikenverwaltung, mehr als das: „Wir werden die zerstörten Tempel in einer Weise wieder aufbauen, die ihre historische Identität bewahrt.“

          Um ein präzises Bild davon zu bekommen, was tatsächlich und in welchem Ausmaß zerstört ist, werden vor allem Luftaufnahmen durch Drohnen und Fotografien jedweder Art, die noch vor den desaströsen Vernichtungsschlägen entstanden, wichtige Quellen für den Wiederaufbau sein. Doch von ganz besonderem Wert ist jetzt der reiche Fundus an Architekturzeichnungen von Cassas und seinen Vorgängern und Nachfolgern. Ihre Ansichten und architektonischen Detailstudien, ihre lupenrein gezeichneten Risse und Schnitte vermitteln ein komplexeres Bild von dem, was in Palmyra einmal gebaut wurde, und welcher Reichtum an Wissen und Kultur für immer vernichtet wurde.

          Besondere Bedeutung kommt hier den Ergebnissen der ersten als wissenschaftlich-archäologisch zu bezeichnenden Expedition zu, die auf Initiative eines britischen Teams 1751, also vierunddreißig Jahre vor Cassas und seinem Auftraggeber Choiseul-Gouffier, zu den Überresten der antiken Oasenstadt Palmyra führte. Der reiseerfahrene, mit den griechischen und römischen Schriften bestens vertraute Robert Wood wurde von einem der damals reichsten Männer in England, James Dawkins, mit der Planung und Durchführung dieser ambitionierten Expedition beauftragt. Da aber mathematisch exakte Vermessungen von Architektur und deren präzise zeichnerische Wiedergabe in toto und en détail sowie auch noch daraus herzuleitende Rekonstruktionen jenseits der Fähigkeiten von dilettierenden Architekturliebhabern und „Grand Tourists“ lagen, engagierte das britische Team einen entsprechend qualifizierten Zeichner: den italienischen Architekten und Ingenieur Giovanni Battista Borra (1713 bis 1770). Im Unterschied zu Cassas hatte er für die Aufnahme der Ruinen Palmyras nur fünf Tage Zeit. Das Ergebnis seiner Anstrengungen waren dennoch siebenundfünfzig Zeichnungen von Gesamt- und Detailansichten palmyrenischer Baukunst, als Ruine oder als Rekonstruktion – auch bei Borra durchaus unter Einsatz der eigenen Phantasie, wenn es ihm an ausreichend präzisen Angaben fehlte.

          Weitere Themen

          Leitung der Bauakademie wird vor Gericht geklärt

          Bauakademie Berlin : Leitung der Bauakademie wird vor Gericht geklärt

          Gegen die Berufung des SPD-Politikers Florian Pronold zum Direktor der Berliner Bauakademie hatten zwei Mitbewerber geklagt - zunächst erfolgreich. Doch die Bundesstiftung Bauakademie hält an ihrem Kandidaten fest. Der Rechtsstreit geht in die nächste Instanz.

          Nicht einfach Ossis gegen Wessis

          MDR-Jahresauftakt : Nicht einfach Ossis gegen Wessis

          Beim Jahresauftakt des MDR legen die Verantwortlichen den Leitgedanken für 2021 fest. Unter dem Slogan „Miteinander leben“ soll die Meinungsvielfalt gepflegt werden.

          Topmeldungen

          Die IAA in Frankfurt ist vorerst Geschichte.

          Automobilausstellung : Die IAA verlässt Frankfurt

          Bis zum Ende hatte Frankfurt gehofft, doch nun ist es beschlossene Sache: Die Automesse IAA nimmt nach dem Misserfolg der letzten Ausgabe Abschied vom langjährigen Standort in Hessen. Drei Städte dürfen sich Hoffnung machen.
          Ein Gartenzwerg steht mit einer Deutschland-Flagge an einer Hauswand.

          Diskriminierung : Zu türkisch für die Nachbarn

          Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt: Jeder dritte Wohnungssuchende mit Migrationshintergrund hat schon einmal Diskriminierung erlebt. Das Recht macht dieser Form der Aversion ein Stück weit Platz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.