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Friedrichswerdersche Kirche : Ein Pflegefall auf der Denkmalintensivstation

Karl Friedrich Schinkel hatte seine Friedrichswerdersche Kirche bis 1831 an der Falkoniergasse erbauen lassen, auf relativ knappem Raum. Auf Wunsch des Königs führte er die gotische Variante seiner Pläne aus, doch ist ihr Innenraum dann doch anders, gewissermaßen klassizistisch geprägte Gotik, mit klaren Formen und Flächen und wunderschönen antikisierenden Details. Und sie ist ein Meisterwerk der Ingenieurkunst Schinkels, der die Lasten der Kirche durch breite, nach innen gezogene Wandpfeiler aufnehmen ließ. Dazwischen, elegant eingefügt, die Emporen mit ihrem schönen Schnitzwerk. Das hielt über Generationen und überstand, wenn auch beschädigt, den Bombenkrieg als eine der ganz wenigen Kirchen Berlins.

Hervorzuheben sind unbedingt - auch wenn diese Rafinesse der Vergangenheit angehört - die einzigartigen Lichtspiele der Chorfenster. Ausgeführt von Schinkel, der ja auch Maler und Bühnenbildner war, strahlten sie ins Innere und machten diese Kirche zum exclusiven lichten Museumsraum, wie ihn die Preußenstiftung zur Jahrtausendwende gestaltet hatte. Doch braucht er natürliches Licht und Sonne von draußen. Früher gab es das auch, viele Maler haben es festgehalten. Früher, als das Viertel drum herum mit Banken und überfüllten Wohnhäusern noch stand. Und eigentlich blieb das so als Voraussetzung für das Gesamtkunstwerk, bis der neue Bauboom auch diese Gegend erreichte.

Im Innern sind die prächtigen Fensterscheiben von Baugerüsten verdeckt.

Denn nie wurden die Chorfenster verschattet, was jedoch die Bauherren der „Kronprinzengärten“ wenig beeindruckte. Licht und Sonne okkupierten sie kurzerhand für die Balkone und Terrassen ihrer betuchten Kundschaft - wer hat, der darf sich nehmen. So viel Frevel muss man schon wollen. Falls Johann Gottfried Schadows weltweit geliebte marmorne Prinzessinnengruppe - Preußens Luise und Friederike Arm in Arm - jemals wieder gefahrlos im musealen Kirchenschiff stehen sollte, wird sie viel Kunstlicht brauchen, um aus Nachbars Schatten herauszuleuchten.

Unsichtbar sind bleibende Schäden. Der lange Zeit stabile Untergrund war Teil von Schinkels ausgetüftelten Bauingenieursystem, das statische Reserven schuf, die sogar den Krieg überstanden. Jetzt aber, warnt tief besorgt Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann Tauschwitz, seien all diese Reserven aufgebraucht. Unsinn, behaupten Besserwisser, weil Schinkel selbst falsch gerechnet habe. Das ist kein Witz, stand sogar in der Zeitung. Und vielleicht ist Schinkels „Ahnungslosigkeit“, was Berliner Baulöwengesinnung anbelangt, der Grund, warum wir nun in Phase II dieses denkmalpflegerischen Sündenfalls eintreten. Denn trotz Gefahr wurde stillschweigend die nächste Tiefgarage genehmigt. Angeblich bedürfe so was gar keiner Genehmigung, heißt es aus Bauboomfachkreisen.

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Warum aber tritt an diesem Punkt weder die verantwortliche Senatsbehörde noch der Denkmalschutz auf den Plan? Warum verhindern sie, denen dieses Kleinod anvertraut ist, nicht den nächsten Angriff? Großspurig tönt der Bauherr rechter Hand, die Frankonia Eurobau, mit ihrem Projekt „Von Preußen nach Europa“ (sic!). Stararchitekten haben Wohnklötze der oberen Luxusklasse entworfen, und bei der Präsentation der Pläne rief eine hohe Berliner Beamtin verzückt aus, wie glücklich sich diese Neuberliner schätzen dürften, Schinkel sozusagen vom Sofa aus, im Wohnzimmer, zu genießen.

Weil Landeskirche und Preußenstiftung jetzt doch laut Alarm schlagen, verschickt Frankonia Eurobau forsch eine Stellungnahme, die den Eindruck erwecken soll, sie habe alle Auflagen eingehalten, zudem ein Baugrubenkonzept mit „einem feinausgeklügelten Alarmierungs- und Präventionsablauf entwickelt“, was mit der Landeskirche abgestimmt sei. Nur hat diese die Vereinbarung nicht unterschrieben und vermisst vor allem die Sensoren, die Alarm schlagen sollen, wenn es wieder kracht und reißt.

Dass man in Berlin am Schinkelplatz dem einzig echten historischen Gebäude weit und breit links und rechts historisierende Protzbauten zur Seite stellt, woran das Originale schweren Schaden nimmt, ist eine Groteske mit noch offenem Ausgang. Wenn es ganz dicke kommt, werden auch die feinsten Visitenkarten, die eitel auf die Nachbarschaft zur Friedrichswerderschen Kirche verweisen, nix mehr nützen. Denn dann ist Preußens gotische Elfe nur noch ein Pflegefall auf der Denkmalintensivstation.

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