https://www.faz.net/-gqz-7wupk
 

Zeppelintribüne : Ruinenbaumeister

  • -Aktualisiert am

Das bröckelnde Nazi-Relikt: Die Zeppelintribüne. Bild: dpa

Die Zeppelintribüne des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes ist im Verfall begriffen. Als unbetretbare Ruine würde sie allerdings die Phantasie anheizen. Wie soll Nürnberg mit seinem NS-Erbe umgehen?

          1 Min.

          Weil der protzige „Goldene Saal“ der Zeppelintribüne des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes für Laien zu beeindruckend sei, solle man ihn sperren oder nur ausgesuchten Gruppen öffnen. So lautete einer der bizarrsten Vorschläge, als sich vor drei Jahren zum zehnjährigen Jubiläum des dortigen Dokumentationszentrums Podiumsdiskussionen mit der Zukunft des maroden Riesenareals beschäftigten.

          In der „Zeit“ fordert der Historiker Norbert Frei jetzt, die Anlage sich selbst zu überlassen: Man solle die einsturzgefährdete Ehrentribüne für Hitler, die Albert Speer seinerzeit als größenwahnsinniges Abbild des Pergamon-Altars entwarf, nicht, wie beabsichtigt, für siebzig Millionen Euro sanieren, sondern sie dem Verfall preisgeben. „Endlich eine Chance für Speers Ruinentheorie“ sind seine Ausführungen bemerkenswert ignorant überschrieben.

          Ein Monument der Kleinbürgerlichkeit

          Egal, ob das Bemühen, NS-Bauten noch im Verfall imposant wirken zu lassen, eine nachträglich ersonnene Finte des Architekten ist oder den Tatsachen entspricht: Wie so viele Ruinen würde – nachzuprüfen an der ruinösen und gerade dadurch faszinierenden Kongresshalle des Reichsparteitagsgeländes – eine malerisch bröselnde Zeppelintribüne kolossal beeindruckend wirken. Und damit die Absichten ihrer Schöpfer nachträglich verwirklichen. Erst recht, da das Absperren des Baus unvermeidlich wäre.

          Man weiß, welchen Zauber gerade unbetretbare Ruinen entwickeln und wie sehr sie Phantasien anheizen. Er frage sich, ob die Sanierung „moralisch angemessen“ sei, schreibt Frei. Denn an Stelle eines angemessenen „kontrollierten Verfalls“ betreibe Nürnberg mit der Sanierung fragwürdiges „Infotainment“. Das Gegenteil ist der Fall: Erst wenn man die Zeppelintribüne, wie es die Architektenvereinigung Baulust vorschlägt, „unter Glas“ verfallen ließe, würde aus dem Denkmal des manipulativen Größenwahns ein Spektakel.

          Zu Recht weist der Nürnberg Oberbürgermeister Ulrich Maly darauf hin, dass Speers Großbau das „letzte wirklich erhaltene Ensemble der NS-Zeit“ ist. Anders als die einstigen Berliner Ministerien von Göring und Goebbels, die durch den Umbau zu Bundesministerien gleichsam entnazifiziert wurden, anders auch als das ehemalige „Gauforum“ in Weimar, dem die Funktion als Mall einen warenästhetischen Deckmantel umhängte, zeigt die Zeppelintribüne trotz ihrer Verstümmelung – die oberen Pfeilerhallen wurden 1967 gesprengt – eindringlich das kleinbürgerliche Protzen, aber auch die dekorative Raffinesse der nationalsozialistischen Diktatur. So muss es bleiben.

          Weitere Themen

          Die Abendröte im Osten

          Mogul-Ausstellung in Dresden : Die Abendröte im Osten

          Die Ausstellung „Der andere Großmogul“ im Dresdner Grünen Gewölbe dokumentiert die Veränderung in den Machtverhältnissen zwischen der britischen Kolonialmacht und den letzten Mogulherrschern von Nordindien.

          Heidewitzka, Herr Kapitän!

          Der neue Dave Eggers : Heidewitzka, Herr Kapitän!

          Verschwörungstheorie aus dem Luftschacht: Dave Eggers, vielbeschäftigter Autor auf der Seite der Guten, liefert eine süße Globalisierungs-Parabel und legt noch eine Trump-Satire obendrauf.

          Topmeldungen

          Jubel in Rot und Blau: Der FC Bayern gewinnt den DFB-Pokal.

          Sieg im DFB-Pokalfinale : Der FC Bayern ist wieder nicht aufzuhalten

          Die Vitrine wird voll: In einem zeitweise spektakulären Endspiel bezwingen die Münchner Finalgegner Leverkusen und bejubeln ihren 20. DFB-Pokalsieg. Bayer vergibt eine Riesenchance, Torhüter Lukas Hradecky unterläuft ein kurioser Fehler.
          Markus Söder (CSU)

          Markus Söder : „Nur wer Krisen meistert, kann Kanzlerkandidat werden“

          Nach Meinung des CSU-Chefs muss sich ein Unionskanzlerkandidat in der Corona-Krise bewährt haben – betont aber, sein eigener Platz sei in Bayern. Derweil bringt sich Friedrich Merz, Anwärter auf den CDU-Vorsitz, mit einem neuen Themenschwerpunkt in Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.