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Pressefreiheit in Iran : Texte ohne Kopftuch

  • -Aktualisiert am

So entschlossen wird zensiert, wenn eine niederländische Zeitung iranischen Prüfern in die Hände kommt. Bild: Hollandse Hoogte/laif

Wie ein Iraner in der Grundschule die Pressefreiheit und ihre Einschränkung entdeckte – und wie ihn diese Entdeckung auch heute noch in Deutschland verfolgt. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Ich war acht, in der zweiten Klasse der Grundschule. Wir sollten unsere Klasse zeichnen. Ich habe mit meinem Stift alles, was es in unserem Klassenraum gab, sorgfältig festgehalten, auch das Bild über der Tafel an der Wand, das ich ganz genau nachmachen wollte. Die anderen Schülerinnen kamen zu mir, schauten sich meine Zeichnung an und waren begeistert.

          Dann kam auch die Lehrerin und guckte auf die Zeichnung; sie lächelte flüchtig und wurde sofort wieder ernst und sagte den Schülerinnen, die immer wieder meinten, wie schön ich doch das Bild nachmachte, still zu sein. Damals verstand ich die Situation nicht so richtig – ob ich das Bild wirklich gut machte oder ob dabei irgendetwas problematisch war.

          Doch wenn eine Achtjährige das Bild des ideologischen Führers Irans zeichnet, wird das Ergebnis, gleich wie sehr sie sich bemüht, in jedem Fall lächerlich sein, und es darf keine lächerlichen Bilder des Führers geben. Wie sollte die arme Lehrerin schon darauf reagieren?

          Das war meine erste Begegnung mit der Zensur in Iran – ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie problematisch eine harmlose Zeichnung sein konnte, wenn sie mit dem Thema „Führer“ zu tun hatte.

          Nur seine persönlichen Fotografen dürfen Bilder von ihm aufnehmen; auf ihnen darf er den Betrachter nicht direkt anschauen, damit er genügend distanziert und ein wenig außerweltlich aussieht – besser gesagt „heilig“ und deswegen unantastbar. Das alles hat mir damals selbstverständlich niemand erklärt; ich musste es selber herausfinden.

          Keiner erklärt es, jeder begreift es

          Über welche Themen man in der Öffentlichkeit nicht sprechen kann und welche man auf keinen Fall kritisch behandeln darf, das versteht man in diesem Land erst im Lauf der Zeit. Vor allem sind es Themen wie Islam, seine Gesetze, die Heiligen, der Führer und seine Aussagen.

          Außerdem darf man sich nicht öffentlich dazu bekennen, nicht zu glauben. Man glaubt entweder, oder man gibt vor, zu glauben; wie man das macht, auch das lernt man nach und nach. Und wenn man nicht irgendetwas vorgeben möchte, dann muss man wenigstens schweigen können.

          Man sollte sich dann auch um keine staatlichen Arbeitsstellen bewerben, und man sollte seine Meinungen für sich und seine kleine private Umgebung behalten. Sobald man jedoch als Journalist, Schriftsteller, Künstler oder Regisseur etwas veröffentlichen möchte, tauchen die sogenannten roten Linien auf, die allesamt nicht genau definiert sind. Manchmal kommt es einfach darauf an, unter welcher Regierung und unter welchem Kulturminister man gerade arbeitet.

          Es sollen schon Szenen aus einem Film herausgeschnitten worden sein, in denen bloß ein Paar Frauenschuhe neben einem Paar Männerschuhe vor einer geschlossenen Tür zu sehen waren! Solche verrückten Geschichten hören sich gleich weniger unglaublich an, wenn man in den Serien des staatlichen Fernsehens sieht, dass die Frauen sogar in ihrem eigenen Haus mit Kopftuch ins Bett gehen.

          Die Fernsehfamilie lebt in einer großen Lüge. Und wenn ein Regisseur einmal versuchen will, weniger zu lügen, muss er seltsame Tricks anwenden. Wenn sich beispielsweise in einer Szene ein Mann und eine Frau nach langer Zeit wiedersehen und glücklich aufeinander zulaufen, schwenkt die Kamera in den Himmel, bevor sie einander erreichen. Die revolutionäre Sache dabei: Männer und Frauen laufen aufeinander zu!

          Auf das Thema Meinungsfreiheit bin ich zum ersten Mal als Jugendliche gestoßen – aber nicht durch die Schule. In der Schule geht es in Iran nicht um Meinungen. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass eine Lehrerin mich mal fragte, was ich zu einer Sache denke.

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