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„Zeitungszeugen“ : Hitlers Worte verraten alles - und erklären nichts

Der erste Auszug aus „Mein Kampf“, verlegt von Peter McGee Bild: REUTERS

Die Auszüge aus „Mein Kampf“ in der „Zeitungszeugen“-Reihe des britischen Verlegers Peter McGee gibt es am Kiosk nur in verpixelter Form. Wir haben das Heft ohne Pixel in die Hand genommen.

          Kaum je ist ein glasklarer Satz dümmer missverstanden worden als die hochtriftige Provokation, mit der Karl Kraus seine zwischen Mai und September 1933 verfasste „Dritte Walpurgisnacht“ eröffnete: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Gemeint war keineswegs, wie Unverstand bis heute wähnt, dass der sprachmächtigste Satiriker der deutschen Literaturgeschichte sich von Gewalt das Hirn hatte stumm schlagen lassen. Gemeint war vielmehr die entschiedene Zurückweisung des idiotischen Ansinnens, er möge sich mit geschliffenen Sentenzen und überraschenden Pointen einem Anlass gewachsen zeigen, bei dem jeder analytische Gedanke ein Kategorienfehler wäre, weil man gegen zivilisatorische Katastrophen nicht Spott und begriffliche Zergliederung, sondern Generalstreiks, militärische Meuterei, unnachgiebigen ausländischen Druck und ähnlich Handfestes braucht.

          Mythisch überhöhter Bandenchef

          Der Nationalsozialismus selbst kennt wie jede faschistische Massenbewegung das Argument nur als taktisch angetäuschte Stummelform rationaler Auseinandersetzung. Er setzt auf grobe Stimmungsevidenzen, auf Gebrüll. Adolf Hitlers - wenn man so sagen kann - längste zusammenhängende programmatische Äußerung vor Errichtung seiner Diktatur, das Buch „Mein Kampf“, geschrieben in der kommoden Haft, in der man ihm nach dem Münchner Putschversuch 1923 erlaubte, sich auf größere Aufgaben vorzubereiten, besteht im Wesentlichen aus einer mal pathetischen, mal trotzbübisch auftrumpfenden Wehklage darüber, dass dem deutschen Volk, vornehmlich in Gestalt seines von der Vorsehung auserkorenen Retters, von allerlei Juden, Feinden und politischen Sachwaltern korrupter Demokratie viel Unrecht geschehen sei.

          Leute, die ihn fortan unterstützten - mit Stimmen und Geld, als Schläger wie Jubler -, sahen in ihm natürlich keinen Schriftsteller und Denker, sondern einen mythisch überhöhten Bandenchef, dessen Rücksichtslosigkeit den nach Millionen zählenden Mitgliedern der Bande reale und phantasierte Vorteile erraffen sollte. „Interessant“ kann sein Buch daher nur in dem Sinne sein, in dem man etwa aus morbider Neugier einen Stein umdrehen wollen mag, mit dem jemand erschlagen wurde. „Mein Kampf“ ist hierzulande nicht, wie etwa Kinder- oder Tierpornographie, verboten. Das Buch ist derzeit allein in Form von Auszügen im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen im Buchhandel zu erwerben, weil das Bayerische Staatsministerium der Finanzen als formelle Erbin des Eher-Verlages und damit Inhaberin der Rechte die Textverbreitung in anderer Form nicht gestattet.

          Nichts für Aufklärung Belangvolles

          Der englische Verleger Peter McGee, der die Presse-Nachdruckreihe „Zeitungszeugen“ herausgibt, hat versucht, hieran vorbeizumanövrieren: In Gestalt umfangreicher Textauszüge, als kompakte Heftchen, sollte „Mein Kampf“ deutsch Lesenden neu zugänglich gemacht werden. Eine Kommentierung, die mit mehr oder weniger informativen („charakteristisch für die partiell durchaus moderne Denkweise Hitlers ist die starke Betonung des Faktischen“ - als wären die pseudonaturwissenschaftlichen Rassegleichnisse und andere herbeigezwungene Wissenssurrogate im Text nicht durchsichtigster Quatsch) und verurteilenden Wendungen nicht geizt („der phrasen-pralle Monolog des Autisten Adolf Hitler“ - Menschen, bei denen diese Diagnose wirklich gestellt wurde, wird mit derlei auch nicht gerade geholfen), sollte sicherstellen, dass nie geschieht, was in diesem Kontext ohnehin unwahrscheinlich ist: Ansteckung Argloser mit Hitlers Gedankengut.

          Die Rechteinhaber haben McGees geplante Veröffentlichung auf dem Gerichtsweg unterbunden. Der Verlag hat angekündigt, sich wehren zu wollen. Die Version des Heftchens, die nun erscheint, hat die Hitlerzitatpassagen unkenntlich gemacht. Nacktfotos mit Balken - ein ehrlicher Blick auf die Art Mischkalkulation,die hier wie schon beim ursprünglichen Plan vorliegt, erkennt leicht: Außer auf Erkenntnishunger wird wohl auch darauf gewettet, dass Leute, die politische Pornographie auf sozial unverfänglichem Weg erwerben wollen, gern zu Dokumenten greifen (jeder Zeitschriftenartikel über Mädchenhandel zehrt, ob er soll oder nicht, von Ähnlichem mit).

          Hitler, zeigt „Mein Kampf“, ist zu Hitler tatsächlich nichts eingefallen; nichts für Aufklärung Belangvolles jedenfalls. Das Buch wird nach geltendem Urheberrecht 2015 gemeinfrei. Es hat, weil woanders Wichtigeres über diejenigen steht, von Finanziers bis zu den Massen, ohne die ein einzelner Spinner nie die halbe Welt hätte verwüsten können, kaum Lehrwert. Er sollte daher auch weiterhin für niemanden einen kommerziellen Mehrwert haben.

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