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Zeitreise-Literatur : Was sagt uns die Krümmung der Gurke?

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Würden Sie diesem Mann nicht sofort eine Zeitreise abkaufen? Doc Brown (Christopher Lloyd) im zweiten Teil des Films „Zurück in die Zukunft“ Bild: ddp Images

Durch das zwanzigste Jahrhundert mit Spinnern, Träumern und depressiven Okkultisten: John Wray darf man angesichts seines neuen Werks zu den Schwergewichten des popkulturellen Zeitreise-Romans zählen.

          John Wray ist in zwei Welten zu Hause. Seine Mutter ist Österreicherin, sein Vater Amerikaner, er selber lebt abwechselnd in Kärnten und New York. Von der Neuen Welt hat er den Pionier- und Abenteurergeist und den Ehrgeiz, die Great American Novel zu schreiben, von Europa eine gewisse gedankenschwere Trägheit, um nicht zu sagen: Faulheit. Wray ist ein Schriftsteller, den man zum Schreiben tragen muss. In einem Interview verriet er einmal das merkwürdige Ritual, mit dem er sich morgens motiviert: Er stellt sich vor, von King Kong, dem „Geist des Romans“, in eine Höhle verschleppt und zum Schreiben gezwungen zu werden; von der King-Kong-Schauspielerin Fay Wray hat er übrigens auch seinen Künstlernamen entlehnt. Der Trick funktioniert: Wray schreibt nicht viel, aber jeder seiner bislang vier Romane war ein Erfolg. Schon sein erster, „Die rechte Hand des Schlafes“ (2002), ließ aufhorchen; sein dritter, „Retter der Welt“ (2009), war die atemraubende Fahrt eines jungen Psychotikers durch die New Yorker U-Bahn und die Abgründe einer kranken Seele.

          Jetzt hat Wray in siebenjähriger Fleißarbeit sein opus magnum geschrieben: „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“, glänzend übersetzt von Bernhard Robben, ist ein ziegelsteinschwerer, aber erstaunlich leicht zu lesender Familien-, Wissenschafts- und Zeitroman über so komplexe Themen wie Einsteins Relativitätstheorie und Ron Hubbards Scientology-Religion. Wray spielt damit in einer Liga mit Schwergewichten des popkulturellen Zeitreiseromans wie Thomas Pynchon, David Mitchell und Haruki Murakami; Jonathan Lethem feiert die Werke des Fünfundvierzigjährigen gar als „nächste Welle der amerikanischen Literatur“.

          Eine Theorie gegen Einstein

          Die Spur zu Proust, die der deutsche Titel legt, führt dagegen in die Irre. In Wrays Roman kommen zwar auch Fin-de-siècle-Ästheten, Kindheitsgerüche und sinnliche Erinnerungskrücken vor, aber er hält sich nicht mit subtilen Beobachtungen auf, sondern greift lieber mit Witz und Wonne mitten hinein in die bizarren Schicksale und fixen Ideen eines deutsch-österreichischen Familienclans. Fast alle Tollivers waren Hobbyphysiker und Zeitforscher, einige genial, andere verrückt, einer böse. Urenkel Waldy erzählt ihre Geschichte mit dem epischen Schwung einer Buddenbrooks-Saga über vier Generationen hinweg. Schon der Urgroßvater, der mährische Gewürzgurkenfabrikant Ottokar, war ganz nah dran am Geheimnis der Zeit; aber just als er von der Krümmung der Gurke auf die Krümmung von Zeit und Raum im Unendlichen kam, katapultierte ihn ein Autounfall in eine andere Dimension. Jeder Augenblick, der vergeht, ist verlorene Zeit; der Tod ist der „ultimative Zeitverlust“.

          Ottokars Söhne setzen das Werk des Vaters fort: Während Kaspars Neugier und Zeitforscherdrang in der neuen Heimat Amerika bald erlahmen, bewegt sich sein dämonischer Bruder Waldemar mit Lichtgeschwindigkeit durch die europäische Unheilsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Relativitätstheorie ist für ihn der Schwachsinn eines elenden „Patentprüfers“, die Idee von einer chronologisch verlaufenden Zeit Lügenpropaganda des Weltjudentums. Der „schwarze Zeitmesser“ entwickelt gegen Einstein und den gesunden Menschenverstand eine Theorie der rotierenden Zeit, die er im Dritten Reich bei der SS durch Menschenversuche an KZ-Gefangenen zu verifizieren versucht. Offenbar nicht ganz ohne Erfolg, denn nach 1945 reist er kreuz und quer durch die Wurmlöcher einer nichtchronologischen Zeit.

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