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Zeitalter der Zigarette erlischt : Eine Kultur löst sich in Luft auf

Weiße Stäbchen im Gesicht Bild: AFP

Raucher waren, zwischen zwei Zigaretten, immer auch Nichtraucher: mit einem Bein im Sein. Und mit dem anderen im Nichts. Eine Zigarette war das Versprechen auf eine bessere Welt und zugleich dessen Einlösung für die Dauer von fünf, sechs Minuten. Doch die Zeit der Zigarette ist vorbei.

          6 Min.

          Es läuft nicht gut für uns in diesen Tagen, wir Raucher sind dem Rest der Welt eine Zumutung und ein Ärgernis - und manchmal, morgens, wenn ich mit kalter Luft in beiden Lungen meinen Arbeitsplatz erreiche, und schon im Flur riecht man den Rauch der viel zu vielen Zigaretten vom Abend davor, manchmal möchte auch ich nur noch rufen: Ja, macht doch bitte endlich Schluß damit!

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Verbietet das Rauchen immer und überall! Schützt uns Raucher vor dem Gift und die Welt vor uns Rauchern! Schreibt keine Warnungen mehr auf Tabakpäckchen, sondern bestraft jeden, der das Zeugs in Umlauf bringt! Sorgt dafür, daß unsere Enkel, falls sie irgendwann mal einen alten Film mit Mitchum oder Bogart sehen, erst einmal fragen müssen: „Großvater, warum trägt der Mann so ein weißes Stäbchen im Gesicht?“

          Die Droge des 20. Jahrhunderts

          Die Zeit der Zigarette, die jetzt vorübergeht, dauerte wenig mehr als hundert Jahre; im Krimkrieg, in den 1850er Jahren, ließen Engländer und Franzosen sich von ihren türkischen Alliierten zum Tabakrauchen animieren; aus Spanien kam die Technik, den Tabak nicht in Tabakblätter, sondern in Papier zu rollen - und als die maschinelle Produktion die Zigaretten alle gleichmachte und die Raucher, weil fast jeder sich das Gift jetzt leisten konnte, mehr oder weniger auch, da war das Fin de siècle fast schon erreicht, so daß man einigermaßen sicher sagen kann, daß die Zigarette die Droge jenes 20. Jahrhunderts war, für dessen schlimmste Schrecken ein fanatischer Nichtraucher, Adolf Hitler, und ein Raucher, Josef Stalin, wohl gleichermaßen verantwortlich waren.

          Glühende Landschaften
          Glühende Landschaften : Bild: ddp

          Jene aber, welche mit den Schrecken des Jahrhunderts fertigwerden mußten, die Gefangenen in den Gefangenenlagern, die ausgebombten Zivilisten, die Rekruten in den Feuerpausen, die wußten alle, was sie, wenn welche zur Verfügung standen, an ihren Zigaretten hatten. Eine Zigarette öffnete eine Parenthese in der bösen Wirklichkeit. Eine Zigarette war das Versprechen auf eine bessere Welt und zugleich dessen Einlösung für die Dauer von fünf, sechs Minuten. In den übelsten Momenten des Jahrhunderts waren Leben und Zigarettenrauchen fast schon Synonyme.

          Flirts mit dem Feuer

          Und in den besten Jahren war rauchen das Zeichen der Freiheit. Wer Menschen-, Bürger-, Frauenrechte forderte, demonstrierte das am anschaulichsten, indem er sich die Freiheit zu rauchen schon mal nahm. Die Freiheit, die nach dem Krieg in den Westteil Deutschlands eingerückt war, schmeckte nach Lucky Strike, die Freiheit, auch gegen das Herkunftsland dieser Marke zu protestieren, roch erst nach den Gitanes und Gauloises von St.-Germain des Prés und dann nach den Selbstgedrehten aus sogenanntem Halfzware Shag.

          Der amerikanische Literaturwissenschaftler Richard Klein hat sich, in seinem wundervollen Buch „Cigarettes Are Sublime“, die Freiheit genommen, Sartres gesammelte Werke, vor allem „Das Sein und das Nichts“, als Selbstzeugnisse eines Kettenrauchers zu lesen; er ordnet die Zigarette ontologisch dem Nichts zu.

          Das große Nichts: Grund und Ziel des Rauchens

          Was wohl Jean-Paul Belmondo dazu inspiriert hat, in der schönsten Szene von „Außer Atem“ auf Jean Sebergs Faulkner-Zitat, auf den Satz nämlich „Vor die Wahl gestellt zwischen dem Leiden und dem Nichts entscheide ich mich für das Leiden“, ganz erregt zu antworten: Nein, das sei Quatsch, ein fauler Kompromiß.

          Er, Belmondo, würde sich immer für das Nichts entscheiden. Das ist die Antwort eines Rauchers, der (ganz ohne östliche Spiritualität und Nirwana-Seligkeit dafür zu brauchen) am besten weiß, daß das große Nichts ja zugleich der Grund und das Ziel des Rauchens ist (weshalb man den Nichtraucher Friedrich Nietzsche schon für sein Gedicht „Ecce homo“ zum Raucher ehrenhalber ernennen muß).

          „Have a match?“

          Die Szene oben läuft naturgemäß auf Sex hinaus, und danach steckt Belmondo sich eine neue Filterlose an, bläst, sehr sanft, den Rauch in die Richtung von Jean Sebergs Schulter, Rücken, Hüfte; die Zigarette danach füllt die Leere zwischen den Körpern aus - und man sieht, was man, solange dort geraucht wurde, eigentlich immer im Kino gesehen hat: Die Kunst des Rauchens ist erfunden worden, damit der Atem (darf man eigentlich sagen: und somit auch das Wesen?) des Menschen sichtbar werde. Erinnert sich noch jemand daran, daß Liebende früher einander den Rauch ins Gesicht geblasen haben? Heute gilt so etwas als Körperverletzung.

          Die berühmteste Zigarettenszene der Filmgeschichte fing damit an, daß Lauren Bacall grinste, und dann fragte sie: „Have a match?“, und Bogart warf ihr ein Päckchen Streichhölzer zu, und was dann brannte, löste einen Kurzschluß aus zwischen dem Film, Howard Hawks' „To Have and Have Not“, und jener Wirklichkeit, in der die beiden noch am selben Tag ein Paar wurden - so wie ja, umgekehrt, jede in der Wirklichkeit gerauchte Zigarette einen Nebel des Fiktionalen erzeugt, hinter dem, wer nur will, die Möglichkeitsformen des Realen erkennt, welche sich dem ungetrübten Blick auf den Langweiler, der mir in meiner Bar gegenübersitzt, niemals erschließen würde.

          Glühende Landschaften

          „Smoking, drinking, never thinking of tomorrow, nonchalant ...“, so geht der Refrain des berühmten Songs, der die „Sophisticated Lady“ besingt, und sophisticated wollten sie eigentlich alle sein, die Raucher, welche die populäre Kultur des 20. Jahrhunderts bevölkerten, Frank Sinatra und Dean Martin („Frank raucht vor und nach dem Essen. Ich rauche auch während des Essens“), Marlene Dietrich und Jeanne Moreau, Paul Bowles, Serge Gainsbourg und Loulou de la Falaise und, vor allem, all jene jungen Menschen, die, auf der Suche nach dem eigenen Stil und Ausdruck, ihre Zigaretten nach Art Belmondos auch beim Sprechen im Mundwinkel stecken ließen oder, wie Sharon Stone in „Basic Instinct“, im Hinausblasen des Rauchs ihre ganze Blasiertheit und Überlegenheit inszenierten.

          Sie alle wußten, daß rauchen schädlich ist, sie wußten auch, daß diesem Schaden kein Nutzen gegenübersteht - nur ein Genuß und das Gefühl, daß, wenn Glut und Rauch dabei sind, das eigene Selbstporträt an Tiefe, an Schärfe und vielleicht auch an Gefährlichkeit gewinne.

          Rauchen als Erinnerungstaste

          Unter all den Drogen, welche die Natur (oder Gott?) uns, um uns zu trösten oder aufzuheitern, geschenkt hat, ist das Nikotin die modernste - das Gift beruhigt und regt an zugleich, in einer Gesellschaft, die auf Besitz und Information beruht, hat die Zigarette erst moderne Verhältnisse auf dem Feld der Wahrnehmung geschaffen. Es war Jean-Paul Sartre, der die Zigarette als Werkzeug der Aneignung beschrieben hat - die Frische eines frühen Morgens, die Erhabenheit einer Landschaft, die Gewalt eines Saxophonsolos: all das gehöre erst wirklich mir, wenn ich den Empfang mit dem Entzünden einer Zigarette bestätigt habe.

          Und jeder Raucher, der, angenehm in Schwung gebracht von seiner Droge, schon einmal über eine schwierige Frage nachgedacht hat, weiß, daß er in dem Moment, da ihm der entscheidende Gedanke gekommen ist, sich zurücklehnen und sofort eine anstecken muß: Das Rauchen besetzt in solchen Fällen die Position „save“ auf der Tastatur unserer Erinnerung.

          Kulturtechnik des Feuergebens

          Die Zigarette war die Droge der Demokratie - was naturgemäß die Dandys des späten 19. Jahrhunderts ganz anders sahen; sie priesen den sinn- und zweckfreien Genuß der Zigarette, den subtil selbstzerstörerischen Akt des Rauchens als höchste Stufe des ästhetischen Bewußtseins: l'art pour l'art, la cigarette pour la cigarette. Und schon deshalb war es gut und richtig, daß, spätestens in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, die Amerikaner die Hoheit in den Raucherabteilen übernommen haben.

          Das Nikotin, diese nüchterne Droge, war einfach ihr Ding - Raucher fallen einander nicht lallend in die Arme und grinsen einander auch nicht blöde an, wie das die Trinker und die Kiffer tun. Rauchen hebt nicht die Selbstkontrolle auf und mindert doch die Distanz: Kein Raucher, der einen Anstand hat, würde einem anderen Raucher je seine vorletzte Zigarette verweigern. Und die Kulturtechnik des Feuergebens und Um-Feuer-Bittens, die werden wir, wenn die letzte Glut erloschen ist und sich der letzte Zigarettenrauch verzogen hat, noch sehr heftig vermissen. Delphine de Girardin, zu ihrer Zeit eine bekannte Schriftstellerin, formulierte schon Mitte des 19. Jahrhunderts die Hypothese, daß Prometheus, als er den Göttern das Feuer raubte, es einfacher hätte haben können. Er hätte nur um Feuer für seine Zigarette bitten müssen.

          Spürst du einen Hauch?

          Woran liegt es aber, daß der Rauch seinen Schimmer und das Rauchen das Geheimnis, die Erotik, die geistige Bestimmung verloren haben? Es waren bestimmt nicht der amerikanische sogenannten Surgeon General, der damit angefangen hat, und nicht die notorischen „EU-Gesundheitsminister“, die diese seltsame Vorschrift übernommen haben, wonach auf jedem Päckchen eine Todeswarnung stehen müsse. Als ob wir das nicht selber wüßten. Als ob es Aufgabe des Staates wäre, nicht nur, was legitim ist, die Nichtraucher vor den Rauchern zu schützen, sondern auch die Raucher vor sich selbst: Warum, zum Teufel, stehen solche Warnungen denn nicht auf Whiskyflaschen, Autotüren, Dönerbuden, Hustensaftbehältern, Fahrradlenkern, Geburtsurkunden? „Leben macht abhängig. Fangen Sie gar nicht erst an!“

          Ja, klar, die rigiden Gesetze haben gewirkt - schon damals, als aus Amerika die ersten Bilder kamen von Angestellten, die im kältesten Winter vor den Portalen ihrer Bürohäuser stehen und ihre Camels bis zum Filter herunterrauchen, weil sie wissen, bis zur nächsten Zigarette sind es wieder fünfzehn Stockwerke hinauf, fünfzehn hinunter, und wer da rauchend auf der Straße steht, wird fast zwangsläufig jener sozialen Gruppe zugeordnet, zu welcher auch die Bettler, Schnorre, Penner gehören.

          Lässiger und durchlässiger Akt

          Klar, seit wir alle immer älter werden und dabei jünger bleiben wollen, sind die Werte von Fitneß, Gesundheit, Ausdauer viel höher notiert: So rüsten wir an den Sportgeräten unsere Körper zu undurchdringbaren Panzern auf - ein so lässiger und durchlässiger Akt wie das Inhalieren wirkt da natürlich kontraproduktiv.

          Und natürlich muß hier kurz erwähnt werden, daß die Ästhetik des Rauchens das eine ist, und das andere sind der Streß, die Hektik, die Anspannung, welche ganz schnell den Genußraucher in einen armen Trottel verwandeln, der sich, ganz ohne daß sich im Rauch der Vorschein eines besseren Lebens offenbarte, eine nach der anderen ins Gesicht steckt, und am Abend schmeckt der eigene Mund wie das Taschentuch eines Klempners.

          Nichtraucherwasauchimmer

          Aber wenn es nur noch Nichtraucherflüge, Nichtraucherrestaurants, Nichtraucherbüros, Nichtrauchertaxis geben wird, Nichtraucherparks, Nichtraucherfirmen, ja ganze Nichtraucherstädte; wenn die Vereinigten Staaten zur ersten Nichtrauchernation geworden sind, dann wird doch eines bleiben: das Bewußtsein einer Abwesenheit. Nichtraucherwasauchimmer: Einen positiven Begriff dafür scheint es nicht zu geben.

          Raucher hatten da einen weiteren Horizont. Raucher waren, zwischen zwei Zigaretten, immer auch Nichtraucher: mit einem Bein im Sein. Und mit dem anderen im Nichts.

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