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Zeichnungen des Barock : Entrückter Augenaufschlag, Griff ans Herz

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Zeugnisse von Lebensgefühl und Religion auf Papier: München präsentiert eine exzellente Ausstellung römischer Barockzeichnungen. In der Pinakothek der Moderne.

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          Zwei Männer in Wams und Bundhosen sitzen eifrig zeichnend am Boden. Die Gesichter von den Hutkrempen beschattet, beugen sie sich, in die Arbeit vertieft, über Papier und Stift auf ihrem Schoß. Einige der berührendsten Darstellungen dieser Ausstellung zeigen Künstler beim Zeichnen - Alltagsszenen, die den Betrachter mitten ins Entstehungsmilieu dieser wunderbaren Blätter hineinversetzen und daran erinnern, dass auch die fulminanten Bildprogramme des Barock mit ihren oft überwältigenden Ausmaßen und gewaltigem Figurengedränge klein auf dem Papier ersonnen wurden. Hier entwarf der Künstler die Gesamtkomposition, hier feilte er am Detail, probierte und variierte Kniffliges wie den komplizierten Landeanflug eines Engels oder auch nur die Geste einer Hand.

          In eine Ära einmaliger künstlerischer Hochproduktion entführt die Ausstellung „Zeichner in Rom zwischen 1550 und 1700“, die Kurt Zeitler kuratierte. Rund hundertfünfzig zum Teil noch nie gezeigte Werke aus den Beständen der Staatlichen Graphischen Sammlung München vermitteln ein Bild der Ewigen Stadt als Stilschmiede und Kapitale des Hochbarock oder, zugespitzt formuliert, des Propagandastils der Gegenreformation. Infolge der Maßnahmen, die das Konzil von Trient gegen die Erschütterungen der katholischen Kirche durch den Protestantismus auf den Weg gebracht hatte, erstarkt Rom in neuer Macht und Prächtigkeit.

          Frühe Experten für visuelle Vermittlung

          Päpste und Kardinäle übertreffen einander mit umfangreichen Baumaßnahmen, Kirchen und Palazzi schießen wie Pilze aus dem Boden. Als Hauptauftraggeber betrieb die katholische Obrigkeit jetzt aktiv die Reform verkümmerter künstlerischer Ausbildung: Auf Geheiß Gregors XIII. eröffnet 1593 in Rom die erste nach modernen Prinzipien arbeitende Kunstakademie, die „Accademia di San Luca“, deren Schüler nach der Natur neuartige Themen wie Landschaft und Getier zeichnen.

          Die Kirchenmänner dringen auf modernisierte visuelle Vermittlung von Glaubensinhalten; ähnlich den Kommunikationsstrategen von heute setzen sie eher auf attraktive Bilder als auf das Wort, mit dem der Gegner, der sinnenfeindlichere Protestantismus, überzeugen wollte. Während die Capricen des Manierismus verblassen, knüpft die neue Kunst nochmals bei der Antike und bei den verehrten Helden der Renaissance an, bei Michelangelo und Raffael. Zu diesem Zweck, aber vor allem, weil dort reichlich Aufträge locken, zieht es Künstler aus ganz Italien nach Rom.

          Aus Urbino kamen Taddeo Zuccari, der sich als Vierzehnjähriger dem Studium Raffaels verschreibt und Federico Barocci, der sein Faible für venezianischen Farbschmelz mitbringt. Annibale Carracci - ihm ist übrigens die erwähnte Rötelskizze der beiden Zeichner zugewiesen - rief man aus Bologna. Dass Caravaggio in der Graphischen Sammlung fehlt, ist übrigens nicht Schuld der Agenten, die ihrem Gründer, Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz, viele Hauptblätter in Italien besorgten. Vielmehr hat ausgerechnet dieser Künstlerstar keine Zeichnungen hinterlassen. Sein Einfluss aber ist dauernd spürbar etwa in der Art, wie Orazio Gentileschi Christus und einen aggressiven Folterknecht in dramatisches Helldunkel stellt oder wie sogar Caravaggios Neider Giovanni Baglione den tugendhaft vor Potiphars Frau ausreißenden Joseph als hübschen Giovanotto seiner Zeit schildert.

          Leibhaftige Engel

          Arbeitsuchende Künstler aus dem evangelischen Norden, wo die Aufträge ausblieben, aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland bereichern zuhauf den fruchtbaren Austausch unter Kollegen, der, inklusive animierender Konkurrenz, Rom mehr als hundert Jahre lang zum Mischpult des Besten macht, was die Kunst zu bieten hatte und auf ganz Europa ausstrahlte. Nicolas Poussins Klassizismus wäre ohne Rom genauso undenkbar wie Claude Lorrains ideale „Seelenlandschaften“ ohne Wanderungen in der Campagna oder den gleichfalls in Rom wirkenden Frankfurter Adam Elsheimer.

          Fast meint man den Windhauch des Flügelschlags zu spüren und das Jubilieren der Schalmeien zu hören, so lebendig fällt Pietro da Cortonas Engelstrio senkrecht durch die offene Rotunde in den Saal ein. Raffinierte Illusionismen verklammern Architektur, Skulptur, Malerei und Stukkatur zu kolossalen Bühnen, die in Gotteshäusern den Himmel auf Erden zur Aufführung bringen oder, wie hier bei Cortona, den Ruhm der Papstfamilie Barberini direkt vom göttlichen Wohlgefallen ableiten sollen. In Gegenrichtung halten nicht zuletzt die theatralischen Inszenierungen religiöser Ekstase - entrückter Augenaufschlag und Griff ans Herz - den Draht nach oben.

          Gian Lorenzo Bernini, der hartem Marmor innigste Verzückung ebenso glaubhaft entlockte wie komplizierte Metamorphosen, prägte Roms barockes Stadtbild dank bedeutender Aufträge als Architekt, Bildhauer und Stadtgestalter; so wandelt er die Piazza Navona mit seinem Vierströmebrunnen zur Arena des Machtanspruchs von Papst Innozenz X. über die Welt, versinnbildlicht in Männerakten als Symbolen für die Hauptflüsse der damals bekannten Kontinente. Auf zwei in München erhaltenen Vorzeichnungen zeigen die Giganten noch nicht die endgültige Gestalt, aber ihre mitreißende, aus Muskelwülsten und anpackenden Gesten quellende Energie hatte Bernini offenbar von Anfang an im Auge.

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